Haare

Frauen und ihre Haare sind schon ein interessantes Thema.

Als Baby nur mit Flaum und Flusen das Licht der Welt erblickend, dann im Kleinkindalter endlich mit einem spärlichen Wachstum auftrumpfend, von unseren Müttern aber schon mit Spängchen und Dekomaterial ausstaffiert, arbeiten wir darauf hin, bis wir endlich irgendwann das auf unserem Kopf Frisur nennen können.

Hier wäre es jedoch wichtig, das Wort Frisur klar zu definieren, und auch die unterschiedliche Perspektive mit in die Beurteilung einzubeziehen.

 

Ich war als 10-Jährige eine Ponyträgerin, allerdings musste der regelmäßig geschnitten werden, da ich ja sonst nichts mehre sehen konnte. Irgendwann wurde meinem Vater das „Ponyhochgepuste“ zu viel und er fragte mich, ob er mir nicht den Pony etwas kürzen solle. Meine innere Stimme wehrte sich und hinterfragte seine stylische Seite. Ich war sicher, meiner Mutter würde das auch nicht gefallen. Ich sollte Recht behalten.

Er fragte nach meinen Befürchtungen und erklärte mir, er wäre überkorrekt und hervorragend in der Lage akkurat und gerade zu schneiden.

War er auch, allerdings hatten wir die genaue Länge vorher nicht besprochen, und an die Pony-Seiten traute er sich nicht so recht heran. Ich sah aus wie Prinz Eisenherz für Arme. Meine Mutter flippte aus und verbot ihm, das jemals zu wiederholen.

Er war zufrieden.

 

Es war Heilig Abend und ich machte mich gerade festlich zurecht. Meine kurzen Haare waren etwas aus ihrem Schnitt entwachsen, und ich entschied mich für einen selbstgestylten Kurzhaarschnitt.

Im Nachhinein finde ich mich unglaublich mutig. Nur zum Verständnis, meine Haare an den Seiten waren anschließend 1-1,5 cm kurz.

Die Weihnachtszeit macht Menschen entspannter, denn meine Mutter kommentierte meine Haare nur mit: Gar nicht so schlecht für selbstgemacht, aber eine gewisse Ähnlichkeit mit Grace Jones.

Bis dahin wusste ich gar nicht, dass meine Mutter wusste, wer Grace Jones war.

 

Irgendwann in den späten 80ern war Aubergine als Farbe sehr populär. Erwachsene konnten diesem Trend in der Regel nichts abgewinnen, ebenso wenig, wie einem kurzgeschnittenen Nacken unter einem längeren Deckhaar.

Genauer gesagt, sprach die für mich zuständige Erwachsene, also meine Mutter, ein klares Verbot aus, das man sicherlich irgendwie auch etwas anders interpretieren konnte, denn Mädchen Teenager lassen sich nicht unbedingt immer von den Wünschen ihrer Mütter beeinflussen.

Ich entschied mich also für eine variable Frisur. Quasi für einen Kompromiss.

 

Deckhaar normal und im Naturton, aber den Nacken hoch ausrasiert und mutig in Aubergine eingefärbt.

Zuhause lief ich also mit offenem Haar herum, und in freier Natur hatte ich einen hohen Dutt.

Ein perfekter Plan, bis mir in der Küche etwas runterfiel, ich mich bückte, meine Haare nach vorne rutschten und meinen Nacken freigaben. Meine Mutter bekam Atemnot und ich Hausarrest.

 

Als Teenager dachte ich auch, ich bräuchte hellere Haare, kaufte ein Blondierungsshampoo, schäumte meine Haare ein…und… telefonierte mit meiner Freundin.

Wenn Teenager telefonieren, verlieren sie manchmal jegliches Zeitgefühl- früher so wie heute. Nach gefühlten 5 Minuten, jedoch echten 2 Stunden, waren die Haare grün.

Mein Erspartes zusammengekratzt, ging ich zum Friseur. Der entschied erst einmal die Länge um 20 cm zu kürzen und mir eine rote Tönung zu verpassen, da rot ja bekanntlich grün neutralisiert. Ich sah aus wie Pumuckls große Schwester, oder zumindest eine seiner Cousinen.

 

Später hatte ich die irrwitzige Idee, rötliche Haare wären modern, und so eine kleine rötliche Nuance würde mir perfekt stehen, das Pumuckl-Trauma offensichtlich gut verkraftet.

Selbst ist die Frau, die Frau, die dann für Stunden in der Badewanne saß und sich zum 100sten mal die Haare einschäumte um das betörende Rot, speziell das Orange, der kleinen feinen ehemals weißen Härchen, an ihrem Haaransatz wieder in einen erträglichen Farbton zu verwandeln.

Ich weiß nicht, warum wir uns das immer wieder antun.

Warum wir es nicht bei der Farbe im Gesicht belassen und unsere Farbfreude ausschließlich für Lippenstifte verwenden.

Warum wir auch als erwachsene Frauen nach einem Strähnchen-Besuch Stellen auf unserem Kopf finden, die wie ein kleines Leopardenfell aussehen und an alles erinnern, aber nicht an feine, dezente Strähnen. Ich kann das nicht beantworten. Dies ist auch keine Frage des Preises. Aus dem Teenageralter raus, und nicht mehr auf Experimente aus, gehe ich schon lange in angesagte Erwachsenenläden mit echten Erwachsenenpreisen.

 

In einer Woche gehe ich wieder zum Friseur meines Vertrauens. Ein Zweittermin, um die Folgen des Ersttermins, also die Balken, die entfernt an ein fettes Streifenhörnchen erinnern, in ein zartgefärbtes Bambifell zurück zu verwandeln. Der Schnitt ist toll.

 

Ihr Fräulein Lindemann

 

Jein.

„Es ist 1996, meine Freundin ist weg und bräunt sich, in der Südsee …

Ja, so fing es an das Lied von „fettes Brot“, und es ging nicht um Urlaube, sondern ums Entscheiden.

Ja…, nein…, vielleicht…

Niemand will sich mehr entscheiden, alle eiern rum und suchen die goldene Mitte. Manche nennen es Kompromiss, für andere heißt das Diplomatie.

Ich nenne es feige sein. Feige, unbequem zu sein, anzuecken, oder anders zu sein. Nicht mit der Menge mit zu schwimmen. Es gibt so viele Ausdrücke dafür, aber eigentlich ist es nur meinungslos zu sein.

Jeder hat doch eine Meinung. Natürlich weiß ich doch, was mit lieber schmeckt: Tee oder Kaffee!

„Egal“ ist hier sicherlich keine adäquate Antwort. Ich weiß doch auch, wie ich eine Situation beurteile. Mag ich etwas und denke es ist richtig, oder finde ich es falsch. Warum hadern wir nur immer wieder mit unserer eigenen Positionierung?

Warum schauen wir ängstlich nach links oder rechts was die anderen machen und was vielleicht erwartet wird. Warum wollen wir immer anderen Erwartungen entsprechen, vergessen aber völlig unsere eigenen, die an die anderen, aber noch mehr die an uns selbst.

Sind wir wie kleine Kirmis-Ponies, die brav hintereinander hergehen, weil eines vorangeht, anstatt einmal richtig rum zu buckeln und das nervige Etwas auf unserem Rücken, das ständig mit den Füßen in unsere Seiten tritt und mit der Trense in unserem Maul zerrt, einfach runterzuschmeißen, oder wenigstens einfach stehen zu bleiben, um den Laden für kurze Zeit still zu legen.

Ist diese Meinungslosigkeit ein Spiegel unserer Gesellschaft. Wir leben doch in einem Land, in dem die Meinungsfreiheit groß geschrieben wird, und sogar einen vorrangigen Platz in unserem Grundgesetz gefunden hat.

Wieso regen wir uns über andere Länder auf, wenn den Menschen dort genau diese Freiheit genommen wird, wo wir unsere eigenen nicht einmal im kleinen Alltag richtig nutzen.

Ist das Erziehung? Wo ist der Revoluzzer in uns geblieben? Ich weiß, das ist schon sehr überzeichnet, denn es braucht ja eigentlich keinen Ernesto Che Guevara um sich für Bier oder einen Wein zu entscheiden.

Wo ist der Mut, Dinge falsch zu machen, einfach das falsche zu sagen? Ich sage ständig das Falsche.

Neulich beim Friseur, war ich sicher, einen kleinen Babybauch bei meiner Friseurin zu sehen. Die Tatsachen, dass sie in den ersten Zügen ihrer Wechseljahre war, ebenso wie ihre Körperhaltung, die auf ein kleines Hohlkreuz schließen ließ, hielten mich nicht davon ab, den Mund zu öffnen und tatsächlich zu fragen: „oh, sehe ich das richtig, du bekommst ein Baby?“

Nein, sah ich nicht. Ich jedoch bekam für einen Moment lang etwas Angst, da wir mit dem eigentlichen Haareschneiden noch nicht begonnen hatten.

Nun gut, für mich persönlich war ich danach auch der ganz klaren Meinung, manche Dinge auch durchaus unausgesprochen zu lassen, und es wie in Ronan Keatings Lied zu halten: “ You say it best wehn you say nothing at all….“. Eine Meinung zu haben bedeutet nicht gleichzeitig sie auch immer und überall hinaus zu posaunen…

Ihr Fräulein Lindemann

 

Lassen können.

Glauben Sie immer noch, Abba könnten wieder zusammen auftreten, dass Agneta, Frida, Björn und Benny sich plötzlich in den Armen liegen uns sagen: Oh, alles nicht so schlimm gewesen, wir haben uns gar nicht wirklich verkracht.  Kohle hätten wir zwar genug, aber was soll´s, zeigen wir es der Welt doch noch mal und singen zusammen.

Robbie Williams wird, außer vielleicht einem kleinen Gastspiel, `Take That` auch nicht mehr beiwohnen, warum auch? Aus der „ich nehme mir ein süßes Groupie mit nach Hause-Phase“ ist er wohl rau; Kind, Kegel und Frau warten ja auch zuhause auf ihn. Ok, das ist kein wirkliches Argument, denn einige Menschen kriegen den Hals ja nicht voll, aber wir werden ja alle etwas älter, und den Printmedien Glauben schenkend, hat er seine Midlifecrisis mit wildem Bettengehopse ja durch.

Die Frage nach den Beatles erübrigt sich, zumindest fürs Diesseits, denn hier wird es wohl keine Reunion geben.

Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem es kein Zurück geben kann. Man kann es lange versuchen, sich wirklich Mühe geben, aber irgendwann ist die Luft raus.

Kennen wir das nicht alle, wenn wir ehrlich zurückschauen.

Da war sie, die Lieblingsfreundin. Man ist gemeinsam durch dick und dünn gegangen, hat zum ersten Mal zusammen heimlich den ersten (und selbstverständlich letzten) Joint geraucht und sich seinen ersten Schwips mit billigem Tetrapack-Fusel angetrunken, Nächte wurden durchgetanzt und durchgeheult. Kein Geheimnis war ihr fremd. Klamotten wurden getauscht, Männer nicht. Man wusste auch den klitze kleinsten Gedanken, das winzigste Minigeheimnis. Man hat füreinander geschwindelt, sich verteidigt und ist füreinander eingestanden. Ein winziger Blick, ein kleines Augenbrauenheben hat alles gesagt, Worte waren überflüssig.

Und dann? Aus und vorbei. Entliebt.

Grundlos? Natürlich nicht. Wirklich begründet. Nein. Ich weiß nicht genau wie es passiert, schleichend? Ganz plötzlich?

Gibt es denn keine Anzeichen? Man geht gemeinsam durch dick und dünn, begleitet sich und hat dieselbe Richtung, und plötzlich biegt einer von beiden ab, ohne den Blinker zu setzen.

Im Straßenverkehr gibt es eine 10,- € Strafe dafür, das steht so im aktuellen Bußgeldkatalog, im echten Leben ist es eine Freundin weniger.

Das kann uns auch in Beziehungen passieren. Gleiche Richtung, gleiche Ideen, Leidenschaften und große Gefühle. Im schleichenden Schneckentempo entfernen wir uns voneinander, und plötzlich ist das, was vorher super süß und super sexy war, nur noch doof und nervt. Aus der gleichen Sprache sprechend, werden neue Dialekte und irgendwann völlig fremde Sprachen ohne Google-Translation zur Hand.

Können wir das verhindern? Müssen wir uns damit abfinden? Ist die Wahrscheinlichkeit größer, wenn man seine große Liebe erst viel später findet, dass man zusammenbleibt. Warum können manche Menschen nicht zusammen wachsen und andere schon?

Gibt es ein Rezept, oder ist es einfach nur Arbeit?

Der Mann war gestern Abend doof und ich musste mich richtig ärgern. Auch heute Morgen noch.

Also richtig doof, nicht nur ein bisschen. Liebe ich ihn weniger, oder haben wir plötzlich ein unterschiedliches Tempo mit getrennten Richtungen? Nein!

Weil wir aufmerksam miteinander umgehen, weil wir wissen was wir haben, unsere Liebe nicht von Unstimmigkeiten abhängt, und wir generell nichts und auch nicht uns ständig infrage stellen. Sind wir dennoch reflektiert? Ja. Suchen wir Probleme wo keine sind. Nö. (selten)

Das ist auch so mit den Mädels, manchmal muss man einfach lassen können und etwas besser achtgeben, falls mal eine stehen bleibt.

Ich bin gespannt, welche Blumen der Mann heute Abend mitbringt um sein gestriges „Doof-Sein“ aus meiner Erinnerung zu löschen.

 

Fräulein Lindemann

 

 

Nostalgie.

Kürzlich im Supermarkt habe ich eine Flasche Tritop entdeckt-Walmeister- Geschmack. Der Mann und ich waren uns einig, die musste selbstverständlich mit nach Hause. Ich weiß noch genau in welchem Supermarkt es Tritop damals bei uns im Ort gab. Allerdings bin ich sicher, dass es in Glasflaschen und nicht in Plastikflaschen verkauft wurde, und meine Mutter hat es nur höchst selten eingekauft, da sie fand es war zu teuer. Aber wenn, ….herrlich!

Und jetzt? Mit Wasser und vielen Eisklötzchen, und mit Augen zu. Man kann sich einfach einen kurzen Moment in eine andere Zeit beamen und sich sogar verkleinern, denn in meiner Phantasie passe ich noch immer in den Kindersitz des Einkaufswagens.  Heute wäre das sicherlich auch noch denkbar, allerdings müsste man mich vermutlich mit arteriellem Verschluss und abgestorbenen Beinen herausschneiden.

Tritop gibt es auch in Orange-Mandarine-Geschmack. Interessanter Weise erinnert mich das nur an weitere Getränke meiner Kindheit: Cefrisch und Quench.

Pulver, eigentlich oranger Zucker mit Farbstoffen angereichert und auf Orange getrimmt, das mit Wasser angereichert wird, das man aber auch gut mit angefeuchtetem Finger wegprobieren konnte. Duplo gab es damals schon lange, Hanuta auch. Und Caramac! Eine Sünde! Vor einigen Jahren habe ich eine Sonderedition von Treets in der Metro entdeckt. Die Vorgänger von M&Ms, nur leckerer und in einer 1970er gelben Verpackungstüte. Curly Wurly … Hmmm. Und Dolomiti. Vor zwei Jahren auch mit dem Braunen Bären zusammen neu aufgelegt auf dem Markt erhältlich. Ich war nie „Brauner Bär“ Fan, daher kann ich nicht beurteilen, ob sich etwas am Rezept geändert hat, aber Dolomiti, von dem alles sagten: alte Rezeptur!, ist eine Verarsche!

Ehrlich. Emotional ist beim ersten Probieren nichts geschehen, da würde vermutlich mehr passieren, wenn ich mir ein aktuelles Cola Calippo reinziehen würde.

Mein erstes Langnese Eiskonfekt aß ich beim Besuch des „das Dschungelbuch“, oder war es doch „Bernhard und Bianca“? Wohlgemerkt im Kino… Hören Sie auf zu rechnen und zu Googeln, ich war  knapp 2 Monate alt und durfte eigentlich noch kein Eis essen, aber das hat zu der Zeit keiner besser gewusst. Beim letzten Sylvester-Fondue haben der Mann und ich kleine Silberzwiebelchen und Gürkchen gekauft, leider hatten wir keine bunten Plastikpiekser, und kurz mussten wir überlegen, ob wir unseren Gästen nicht noch einen „Mett-Igel“ präsentieren.

Die neue bzw. alte Fanta in der braunen Rillenflasche, die es derzeit als Retromodell gibt , musste ich leider in größerer Stückzahl anschaffen, auch wenn ich sicher bin, in Fanta normalerweise keine Milchanteile vorzufinden, denn die heutigen Fantas im Retromäntelchen, sind ohne Pfand deklariert und gehen als Molkeprodukt durch.

Es ist halt doch nicht alles echt was Erinnerungen ausruft.  Was ich wirklich vermisse ist Kaba in der Tube. Das war eine Schokocreme in einer gelben „Rei in der Tube“ Tube. Meine Mutter hat mir immer Gesichter auf den Toast gemalt, und der Geschmack war niemals von irgendeiner anderen Schokocreme überboten worden.

Über Ahoi- Brause muss ich nicht viel sagen, oder? Alleine der Gedanke daran, da schäumt und kribbelt es wohlig in meinem Mund. Ich erinnere die ersten Hubba-Bubba Kaugummis, die angeblich nicht kleben würden. Hätte ich gut gebrauchen können, als unser Nachbarssohn eine riesige Kaugummiblase machte, und sie in meinem Gesicht platzen ließ. Danach bearbeitete meine Mutter mein Gesicht und meine Haare längerer Zeit mit Terpentin, das brannte sehr und es stank, und ich hatte von Kaugummis erst einmal die Nase voll.

Wie stehen Sie denn zu Maggi-Würze? Ich weiß, hier gehen die Meinungen jetzt stark auseinander. Wir hatten es zuhause, aber es durfte nur in Kleinstmengen verwendet werden. Ich hatte zum Glück auch eine Mini Maggi Flasche in meinem Kaufmannsladen, die habe ich immer mal wieder probiert um meinen persönlichen, von meiner Mutter ignorierten, Maggi-Bedarf zu stillen.

Ja, als Kind ist ja alles erst einmal toll was limitiert wird. Heute habe ich eine Glutamat-Allergie, da jucken die Beine, so dass ich sie blutig kratzen könnte.

Nur gut, dass ich damals mengenmäßig vorgebaut habe und meinen Gesamtbedarf an Maggi, in jungen Jahren bereits abdecken konnte.

 

Ihr Fräulein Lindemann

 

Patientendemenz

Wenn meine Mutter vom Arzt kommt, je nach Aufregungszustand, kann sie nur bedingt wiedergeben, was gesagt wurde.

Was genau hat der Doktor denn nun gesagt? Was ist der nächste Schritt, und wie geht es weiter?

Hmm…. Es ist weg, so genau hat sie es auch gar nicht verstanden. Ich rolle mit den Augen, selbstverständlich bekommt sie das nicht mit.

Hat sie nachgefragt, sich etwas aufgeschrieben? Anscheinend nicht. Wieder rolle ich mit den Augen, und meine Besorgnis über ihren Krankheitszustand wird auch nicht geringer.

Meine Omi hat immer eine Liste mitgenommen und einen Stift um sich Notizen zu machen. Früher habe ich gelächelt und dachte, sie geht doch nicht zum Einkaufen, warum braucht sie eine Einkaufsliste?

Die Fragen, die man zu sich selbst hat, kann man sich doch wohl merken- die Antworten doch wohl auch.

Wie kommt es, dass man vor dem vermeidlichen „Gott in Weiß“ (ist er selbstverständlich nicht!) plötzlich alles vergisst? Oder ist das nur die pure Aufregung, weil es einen plötzlich selbst betrifft, und man beteiligt ist?  Oder sind es die fremden Worte, die im normalen Sprachgebrauch nicht vorkommen? Sind Ärzte nicht in der Lage patientengerecht zu sprechen?

Ist das eine Frage des Alters? Und bedeutet das, dass mich die Liste auch irgendwann erwischt, und ich informationslos und betrübt vom Arzt zurückkomme und keinen wirklichen Schimmer über meinen Gesundheitszustand habe? Ist es selektives Hören und dann auf irgendwelchen Schlagworten wie „Blutdruck“, „erhöhte Werte“ und „weitere Diagnostik nötig““ hängen bleibend, ohne zu verstehen, was und wie der Zusammenhang ist.

Zu denken, diese Form der „Patientendemenz“ ist eine Frage des Alters, ist schlicht und ergreifend: falsch!

Es ist keine Frage des Alters und kann jeden erwischen. So, jetzt wissen Sie es. Auch mich!

Unter Medikamenteneinfluss, oder einfach nur aus persönlicher Besorgnis, stellt das Hirn einfach auf Durchzug. Kürzlich beim Arzt ging ich schnurstracks ins Sanitätshaus, hatte ich noch so im Kopf und war mir (bin) so sicher, dass  ich es richtig verstanden hatte, und holte mir ein Zubehör ab. Weiter oben,  zurück in der Praxis, brachte ich mein Zubehör mit ins Patientengespräch, allerdings konnte mein Arzt nicht viel damit anfangen, und ich sollte wieder runter ins Sanitätshaus, mir alles erklären lassen. Kein Problem. Ich überlegte, ….und was wollte ich ihn noch fragen, für wann hatten wir beim letzten Mal den Folgetermin ausgemacht. Ich war siegessicher, aber er fand ihn nicht im Kalender, also noch mal. Dieses Mal mit Notiz im Mobiltelefon. Was wollte ich noch wissen? Ich hatte 5 Punkte auf meiner Liste (!!). Keine fiel mir ein. So ein Mist. Los, logisch vorgehen, auf mein photographisches Gedächtnis hoffen und mir die Anfangsbuchstaben vorstellen (vom Zettel) und hoffen, dass sich der Rest findet.

Ging so. Mit Verzögerung kam dann alles irgendwie wieder, denn auf meinen Zettel im Telefon zu schauen, ging nicht. Der Mann hatte sich im Vorfeld auch schon lustig gemacht, und ich ihm versucht zu erklären, dass ich selbstverständlich nichts herausholen muss, sondern nur eine generelle Gedankenstütze benötige, für den Notfall, der selbstverständlich niemals einträte.

Nicht auf den Zettel schauend, verließ ich das Behandlungszimmer, mit meinem Sanitätshauszubehör unterm Arm und der Gewissheit, dass Punkt 3 und 4 nicht erledigt waren.

Ich ging zur Toilette und schaute heimlich nach. Ach ja….

Also gut, zurück zur Rezeption und nachgefragt. 7 Minuten später hatte ich meine Folgerezepte.

Unten im Sanitätshaus kamen erneute Zweifel. Wie war das mit der Belastung für den Fuß? Komplett, Teilbelastung? Und wenn, mit Hilfe der Unterarmgehstützen, oder doch ohne?

Himmel! Die Sanitätshausfachangestellte sagte, sie könne mir nichts davon beantworten, ich sollte noch mal nachfragen, und ich fragte und fuhr zum 3. Mal hoch zurück in die Praxis, erntete leichtes Augenbrauenheben an der Rezeption, weil ich schon wieder auftauchte und Fragen hatte, die Klärung bedurften, obwohl die ja schon eigentlich geklärt gewesen sein sollten, nur nicht waren.

Mit neuen Informationen verließ ich nun das Ärztehaus und fuhr nach Hause, und das ohne auf meinem Ausweis die Adresse abzugleichen.

Irgendetwas funktioniert ja dann wohl doch noch…

 

Fräulein Lindemann

 

Die Höflichkeit- oder das Ergebnis meiner Erziehung.

Wie ist das mit der Erziehung? Kennen Sie das noch? `Kind, nimm den Arm beim Essen hoch, Mund zu, Gabel geht zum Mund, nein, nicht umgekehrt! „  

Nein das ist kein `See food`! Niemand möchte das Essen sehen, jedenfalls kein Essen, was sich bereits im Mund im Zerkleinerungsprozess und schon minder bis stark im Einspeichelmodus befindet.

Grüßen! Immer! Den Nachbarn, den Briefträger…einfach jeden. Und wenn es nur ein Kopfnicken ist.

Ich erinnere, vielleicht war ich 10 oder 11, als ich mich mit Nachbars Tochter im Winter mit schneebedeckten Bürgersteigen (sehr rutschig und ein zusätzliches Risiko des Erwischtwerdens) zum „Mäusepingeln“ verabredet habe. Wissen Sie was das ist, Mäusepingeln? Klingeln und abhauen, und noch viel entscheidender: schnell abhauen und nicht erwischen lassen!

Ich bin nicht erwischt worden, Sarah schon, und ich bin sicher ihr rechtes Ohr ist seit diesem Abend länger als das Linke.

Zwei Tage später habe ich es meinem Vater erzählt. Eher aus dem Grund mich über Sarah zu echoffieren, wie kann man sich von einem über 70-Jährigen fangen lassen? Rutschiger Schnee hin oder her.

Ich habe nicht mit der Moral meines Vaters gerechnet. Nach genauster Beschreibung des Vorgangs und des Hauses, rief er höchstpersönlich dort an, (in einem Dorf findet man das recht zügig raus) und entschuldigte sich für mein freches Benehmen. Ich glaube die Frau am Ende der Leitung wusste den Vorgang in keinster Weise einzuordnen, aber das war meinem Vater egal. Er hatte Prinzipien, und dass seine einzige Tochter Mäusepingeln in der Nachbarschaft veranstaltete, gehörte sicher nicht dazu.

Mit 13 Jahren in Spanien, zu Besuch bei meiner spanischen Brieffreundin, ich erinnere mich noch sehr gut, gab es auch einen kleinen Fauxpas.

Wir standen vor Rosarios Tante und sie lächelte mich zu Begrüßung an und strich sich über ihre sonnengegerbten Wangen. Für mich selbstverständlich DAS Zeichen, und hier hatte ich schon dazu gelernt, denn in Spanien küsste sich jeder ständig und immer- zur Begrüßung, beim Verabschieden, oder einfach nur so- und stand somit selbstverständlich auf und gab dieser mir fremden Person einen Kuss links, und einen Kuss rechts, auf ihre wie schon beschriebenen braunen, schon etwas runzeligen Wangen.

Der Rest im Raum brüllte vor Lachen. Selbstverständlich konnte ich zu diesem Zeitpunkt, wie auch jetzt immer noch nicht, kein einziges Wort spanisch, ausser vielleicht „danke“ und „eine Coca Cola bitte“. Nun, jedenfalls lachten alle, und das einzige was mir diese Frau vorher zu verstehen geben wollte war, dass ich mir über den Tag einen leichten Sonnenbrand geholt hatte und meine Wangen nun von der Sonne gerötet waren- kein Wort davon, geküsst werden zu wollen.

Viel später, schon erwachsen (immer noch jung selbstverständlich) geschieht wieder ähnliches.

In einem Italienischen Restaurant in New York saßen vor einigen Monaten der Mann und ich an dem kleinsten Zweiertisch der Welt, direkt neben dem Hummerbecken in dem winzigsten, aber allerbesten Restaurant in Little Italy,  als der Chef des Hauses zu uns kam und ganz smart mit dem Mann auf Italienisch sprach (er kann es sprechen), und danach etwas zu mir sagte. Ich würde sagen es war Italienisch, der Mann sagt, es war blütenreines Englisch (was ich im Allgemeinen sehr gut verstehe und spreche). Nun jedenfalls dachte ich mir, wo doch nun zwischen Cheffe und dem Mann eine Art Verbrüderung stattgefunden hat, ich würde nun auch endlich begrüßt. Ich stand also auf und gab dem Herrn (mein Vater wäre sehr stolz) meine Hand und stellte mich vor und teilte ihm mit, wie hoch erfreut ich war, seine Bekanntschaft zu machen.

Der Blick war die pure Irritation, und ich glaube mich zu erinnern, dass sogar sein Mund ein klein wenig offen stand. Was soll ich sagen, eigentlich wollte er nur ans Hummerbecken um einen kleinen Kerl für die Pasta am Nebentisch herauszuholen und vorzubereiten…

Es ist wohl überflüssig anzumerken, dass ich dann und wann noch immer Leute verunsichere, wenn ich Ihnen enthusiastisch meine Hand reiche, das Küssen habe ich eingestellt, wenn ich mir nicht 120% sicher bin ob und wie oft geküsst wird, in Momenten in denen das niemand von mir oder auch grundsätzlich erwartet, da es die Situation nicht unbedingt erfordert.

Aber ja, ich werde meine Erziehung weitergeben, an alle, ob sie wollen oder nicht, und ich bleibe stoisch dabei und lasse mich auch nicht von dem einen oder anderen peinlichen Moment daran hindern…

 

Fräulein Lindemann

 

 

 

Abhängigkeit.

Die Definition von Abhängigkeit lautet folgendermaßen:

Ạb·hän·gig·keit – Substantiv [die] 1. der Zustand, dass jmd. von jmdm. abhängig ist.

Oder ein Synonym für: Unselbstständigkeit, Hörigkeit, Unmündigkeit, Bevormundung, Fessel, Knechtschaft, Sucht.

Wir erinnern uns noch an meinen Skiausflug? Und das dazugehörende gebrochene Sprunggelenk?

Ich kann sagen, das Haus vom Mann und mir ist nicht Behindertengerecht, wohl auch nicht Altengerecht, was bedeutet, der Mann und ich werden hier nicht als alte, klapprige Rentner leben können, es sei denn wir bewohnen nur noch die Küche und das Wohnzimmer, und begnügen uns mit dem Gäste–WC für jegliche Form der Körperhygiene. Gut, dann muss man auch weniger putzen, oder halt auch gar nicht, weil der Staubsauger auch im Keller steht. Wäre das ein Vorteil, und wir sollten darüber nachdenken?

Egal. Zurück zum gebrochenen Sprunggelenk. Damit darf man nach einer OP selbstverständlich erst einmal nicht auftreten, das bedeutet: Krücken her, oder wie es korrekt heißt: Gehhilfen her. Und das für einige Zeit.

Meine Arme und Schultern waren dies selbstverständlich nicht gewohnt und reagierten darauf recht empört. Dies brachten sie mit überdurchschnittlich starkem Muskelkater zum Ausdruck. Zusätzlich braucht man in dieser Situation Mut zur Langsamkeit und zur Improvisation. Wie also transportiert man mit Krücken eine Tasse Kaffee vom Caféautomat in der Küche die 3,5m zum Sofa, was der neue zentrale Platz im Haus war, quasi die Schaltzentrale? Schwierig, nicht trivial und ganz klar eine Frage der Balance und der korrekten Hüpfintensität.

Interessant wird es, wenn der Mann 4 Tage nach dem operativen Eingriff das Land für 2 Tage verlassen muss, sicherlich ein wenig froh, der leidenden und eingeschränkten Frau für kurze Zeit zu entkommen. Was macht Frau da? Mutti anrufen! Die selbstverständlich sofort anreist.

Da wird man flügge, zieht aus, lebt viel Jahre alleine oder mit dem Mann und ist „groß“ und was macht man in Ausnahmesituationen? Back to the rootes- Mama muss her.

Meine Mutter, fröhlich motiviert 2 Tage mit ihrer einzigen Tochter zu verbringen, war nach den ersten 50 Minuten schon total geschafft, und ihr Elan, mir alles abzunehmen und mir jeden Gang mit Krücken zu ersparen, brachte sie recht zügig außer Atem und ließ sie sicherlich eine recht imposante Anzahl an Kalorien verbrauchen, die sie sonst nur in 2 Stunden Dauergymnastik verbrannt hätte.

Sie war tapfer und ließ sich nichts anmerken.

Aber was ist mit mir? Abhängig.

Da es sich um den rechten Fuß handelte, kommen Autofahren & Fahrradfahren nicht infrage–hier wäre es eigentlich auch egal um welchen Fuß es sich handelt. Mofa fahren geht auch nicht.

Einkaufen, zum Arztfahren, zur Krankengymnastik gehen oder berufliche Reisen kommen nicht infrage. Haben Sie schon einmal versucht mit einem empfindlichen Fuß, der noch stocksteif am Ende des Beins hängt, einer frischen Narbe in einen engen superchicen Thrombosestrumpf zu gelangen? Und ist man erst einmal nach schweren Anstrengungen drin, wie kommt man nur wieder raus? Und wer hat überhaupt entschieden, dass diese Dinger weiß sein müssen?

 Aber hat ein gebrochener Fuß auch Vorteile?

Ich muss nicht Staubsaugen, kein Leergut wegbringen, vorm Haus nicht fegen, den Tisch nicht decken, und abräumen ist auch schwierig.

Ich bekomme Besuch und viele Blumen. Freunde bringen Kuchen und Süßigkeiten vorbei, helfen mir in die Jacke und fahren mich überall hin. Der Mann macht mir Geschenke. Auf der Autobahnraststätte schließt man mir die Tür auf und lässt mich das blitzeblanke Behinderten-WC benutzen. Beim Fliegen wird man mit einem Golf Car von a nach b gefahren und immer hilft jemand mit dem Koffer.

Im Shoppingcenter kann man einfach im Weg stehen bleiben, böse gucken und alle gehen an die Seite und machen Platz.

Diesen Zustand werde ich noch 2-3 Wochen ausnutzen, die Entschleunigung genießen, Zuhause mit ein wenig Unordnung und einigen Krümeln mehr als gewohnt zu leben lernen und dann das Leben zukünftig entspannter genießen und meinen rechten Fuß wieder mehr zu schätzen wissen.

Ich hoffe nur, der Mann bleibt gesund.

 

Ihr Fräulein Lindemann

 

 

 

Das Gedächtnis.

Machen sich schleichende Reduktionen der Gehirnkapazitäten schon in meinem Alter bemerkbar, und muss ich nun hoffnungsvoll auf eine beidseitige Hirnspende warten?

Kennen Sie das auch? Manchmal rieselt es einfach durch. Seit einiger Zeit schreibe ich alles Wichtige, was mir in den Sinn kommt, schnell auf ein Post- it. Nur leider verhält es sich mit den Post-its so: sie entkommen. Mal fliegt einer hier her dann wieder dorthin, oder sie werden einfach unsichtbar und sind schlicht: weg. Ich schrecke allerdings auch nicht vor der gewagten These zurück, zu behaupten, dass sich Post-its ganz hinterhältig verstecken. Sicher, die Klebeintensität des oberen Randes der Rückseite steht sicherlich in Zusammenhang mit dem Fabrikat und dem Alter des Blocks, aber auch, wenn ich sorgsam einen zusätzlichen Tesafilm-Streifen verwende, ist das keine gesicherte Maßnahme um dem Verschwinden Einhalt zu gebieten.

Schlimmer jedoch, als die Post-it Verschwörung, ist der Zustand, den Gedanken während des Aufschreibewunsches bzw. des eigenen Präparierens mit Stift und Zettel, einfach wieder zu vergessen.

Ich rede gar nicht davon, dass mein Outlook Kalender voll ist mit an mich selbst gerichteten Erinnerungen und Deadlines, die mich in meinem Arbeitsalltag derzeit nicht ganz versagen lassen, sondern auch von super guten Ideen, für künftige Meetings oder Gesprächsstrategien, die in meinem Kopf stattfinden und mir Sicherheit im Gespräch geben sollen, sich dann aber als quasi einmalig herausstellen, und in der Güte und Qualität kein zweites Mal in die Gedankenproduktion eingehen. Nicht einmal in ähnlicher Form. Neulich erwischte ich mich auf dem Weg nach draußen Richtung Straße, und wäre da nicht der Müllbeutel in meiner Hand gewesen, hätte ich kapitulierend zurück ins Haus gehen müssen.

Was ist das nur? Die Namen von Angelinas und Brads Kindern, 6 an der Zahl, gehen mir geschmeidig über die Lippen. Vermutlich könnte man mich des Nachts wecken, und ich wüsste noch haargenau welche Farbe Julia Meyers Reithose bei unserem ersten Aufeinandertreffen hatte, oder wann ich zum ersten Mal La Boume geschaut habe und mich unsagbar in Pierre Cosso verknallte, so dass ich meiner Mitschülerin Franka 4 Wochen lang die Französisch Hausaufgaben besorgen musste, um ihren Bravo Starschnitt zu bekommen. Leider ohne seinen linken Fuß, aber das war egal, denn auch ohne den war es die Mühe wert.

Habe ich mir mit dem ganzen Unsinn meine Festplatte so zugemüllt, dass für nichts anderes mehr Platz ist? Und noch viel wichtiger: wie lösche ich das unwichtige Zeug und stelle sicher, dass wieder neuer Platz geschaffen wird- ohne besagte Erneuerung?

Vermutlich würden Sudoku oder Yoga helfen mich wieder besser zu konzentrieren und mich vom unendlichen Wahnsinns meines Jobs zu distanzieren, der, so ahnen Sie es wohl schon, nicht ganz unbeteiligt an meinem Malheur ist. Das ist selbstverständlich nur eine ganz laienhafte Diagnose, die keine fundierten psychischen Erkrankungssymptome oder irgendeine ärztliche Verifikation beinhalten. Dennoch, in unserer heutigen, rasend schnellen Welt, der ständigen Erreichbarkeit, bin ich bestimmt nicht die Einzige. Ja, ich meine immer, ohne mich läuft es nicht, und ich wäre meinem Arbeitgeber gegenüber verpflichtet, aufgrund meines Gehaltes, eine gewisse Erreichbarkeit zu gewährleisten. Nun gut, hier ist die Frage selbstverständlich angebracht, ob er mich so gut bezahlt, dass dies Abende, Wochenenden und Feiertage beinhaltet? Der Mann im Hause verneint das, da mich diese Dinge von ihm fernhalten und es, so fern ich nicht in der Welt herumreise, die Zeit im gemeinsamen Heim auf ein Maß verkürzt, das in ihm, sagen wir mal so, kein wohliges Behagen auslöst.

Meine limitierte Festplatte, oder das seine eigenen Prioritäten setzende Hirn, hat im täglichen Leben die Ausmaße erreicht, dass ich manchmal befürchte, meiner Muttersprache nicht mehr auf dem Niveau gerecht zu werden, wie es mein persönlicher Anspruch verlangt. Durch ewiges Englisch sprechen, nein nicht in Jane Austin oder John Irving Qualität, simples Businessenglisch und dann und wann unnützer Small Talk schafft es, meine mir so geliebte Sprache zu verdrängen. Manchmal fallen mir Worte nur noch auf Englisch ein. Das wiederum in rein deutschen Dialogen für kurzes Augenbrauenheben sorgen kann, weil ich wie einer dieser bekloppten “ ìch verenglische alles und es klingt so sophisticated Leute“ angeschaut werde. Zu Recht! Wenn es nur noch Challenges und keine Herausforderungen gibt, oder die Responsibilities die Verantwortung verdrängen.

Ganz große Klasse ist die Situation, wenn ich das Wort nur noch in meinen Gedanken vor mir habe, weiß wie es aussieht und es sich anfühlt, es aber weder in der Deutschen noch in der englischen Sprache herausbringe.

Zur Belohnung und für die komplette Konfusion hatte ich letzte Woche meine erste Italienisch Stunde bei Signora Germana…

Ihr Fräulein Lindemann

 

 

DLF.

Ich erinnere noch gut, dass meine Mutter und ich meine Omi regelmäßig in der 1 ½ Stunden entfernten Kleinstadt im Weserbergland besuchten. Wir saßen in ihrem roten Käfer und ich war 13, vielleicht 14 Jahre alt.

Wie es Käfer nun mal so an sich haben, gab es neben 2 Dreh- Knöpfen (Scheibenwischer und Licht), einen Schieber, den mal wohl Heizung nannte, ein Radio mit ebenfalls 2 Dreh-Knöpfen und 5 kleinen Druckknöpfchen- LMMUU.

Mit moderner Musik hatte meine Mutter nicht zu tun, d.h. Madonna, a-ha, Foreigner & co sagten ihr gar nichts.

Wir hörten WDR 4 und meine Mutter wippte mit ihrem Kopf fröhlich mit.

OLDIES, eigentlich noch schlimmer: Schlager –Oldies! Für mich armen Teenager unerträglich. Was hatte ich mit Ronny, Roy Black, den Eagles und Scott McKenzie zu tun. (nein, meine Mutter hörte leider nicht  The Who, die Stones oder Jimi Hendrix)

Da meine Mutter das Auto fuhr,  und sie die ältere von uns beiden war (und ist), war sie die Bestimmerin. Keine Chance fürs Kind.

Kennen Sie das noch, Samstagabend NDR2 an (oder WDR2, BFBS oder B3), „der Club“ und die aktuellen Charts hören, die leere Kassette ins Kassettenfach schieben, schnell noch zurück spulen und auf ein vernünftiges Timing beim Runterdrücken der orangen Aufnahmetaste- Taste hoffen , immer mit der stillen Hoffnung, dass der Radiomoderator wenigstens so lange seinen Schnabel hält, wie das Lied läuft und nicht wieder blödsinnig reinquatscht.

Mein erstes eigenes Auto war ein froschgrüner Golf 1, leider im Dunkeln für 500,-DM gekauft und ich habe erst am nächsten Morgen festgestellt, dass es zwei unterschiedliche Froschgrün-Töne gibt, zumindest auf meinem Auto. Das Grün auf der Motorhaube, und das Grün vom Rest des Autos.

Aber ich hatte ein Radio mit Kassettendeck und…ich war die Fahrerin! Älter oder nicht, das war schnuppe, wenn noch wer anders im Auto saß.

Neue Regel: mein Radio- meine Musik.

Ich hörte NDR2, später FFN und Enjoy. Jahre später hörte ich in Berlin Kiss FM und STAR FM und irgendwann ins Rheinland zugezogen, war ich 1live Konsument.

Ich trällerte fröhlich alle aktuellen Lieder mit- Charts rauf und Charts runter. Die Moderatoren gehörten zur Familie, und ich wusste genau, wer wann welche Sendung moderierte.

Irgendwann nervten die Wiederholungen, beim 10. Mal David Guetta am selben Tag, fing ich an mit den Augen zu rollen, nach und nach erwischte ich mich, wie ich anfing Sender zu zappen.

Was war los? Warum wollte ich dieses eintönige bum, bum, bum und die Lieder, die alle miteinander verwandt hätten sein können, nicht mehr hören?

Ich switchte zu WDR2 und liebte es, die Lieder aus den 90ern und der Jahrtausendwende zu hören. Rock und Pop. Ich sang mit, und ich war textsicher.

Und ich war glücklich.

Wenn es mir jetzt manchmal zu doof im Radio wird, und Radio Head und Whitney die Stimmung nicht heben können,  dann…Trommelwirbel…und man glaubt es kaum, dann schalte ich DLF an und höre interessiert den Kommentaren und Themen der Woche zu, höre Gesellschaftskritische Reportagen und dann und wann höre ich Jazz und wirklich alte Rocksongs.

Die Kids finden das doof.

Meine Mutter auch.

 

Fräulein Lindemann

 

 

 

Sport.

Ist Sport Mord?
Nein, soweit würde ich nicht gehen, aber: Sport ist gefährlich.
Zumindest für manche mehr als für andere, und ich gehöre wohl in die Gruppe der „manche“.
Alles fing harmlos an als der Mann und ich irgendwo in der Nähe von Kitzbühel ankamen, unser Zimmer bezogen und frohen Mutes zum Skiverleih stapften. Die Schuhe saßen perfekt, nichts drückte und ich möchte fast sagen, sie waren bequem. Das 5-Gänge Menü am Abend und der fantastische Österreichische Rotwein hoben die Stimmung um weitere Level, ebenso die Besichtigung der 600m² großen Spa-Anlage. Die Voraussetzungen für einen tollen Skiurlaub waren nicht zu toppen, und freudestrahlend sahen der Mann und ich uns an und waren bester Laune.
Tag 1 fing vielversprechend an. Ich passte noch in meine Jetski-Hose, wenn gleich sie sich nicht mehr so leicht schließen ließ wie in meiner Erinnerung (lag vermutlich nur an der neuen Skiunterwäsche) und beim Bücken drückte sich der Bund auch etwas fester als erwartet in meinen Bauch.
Nun ja, auf zum Gipfel.
Nur mit Stöcken bewaffnet, da der Mann meine Skier trug, machten wir uns auf zur Gondel. Ja, Skier passen nur in eine Richtung in die vorgesehenen Abteile für Skier, und es ist hilfreich, sie richtig herum dort hinein zu stecken. Erste Lektion.
Oben endlich angekommen fuhren wir langsam los. Alles klappte gut. Leider konnte ich weder mit Sonnen- noch mit Skibrille vernünftig sehen, sodass es ohne gehen musste. Es ging auch alles, zwar recht wackelig, da wir hier nicht vergessen dürfen, dass dies mein 3. Urlaub war, abgesehen von 2-3 einzelnen Skitagen in den letzten 10 Jahren, und ich nicht wie der Mann und die mitreisenden Freunde auf diesen schlüpfrigen Brettern aufgewachsen bin.
Irgendwann ließ meine Kraft nach und das, gepaart mit mehr Speed und mieser Balance, ist keine ideale Kombi. Ich flog. 1x, 2x, 3x und auch ein viertes und fünftes Mal. Gerne auch auf die selbe Körperregion, was irgendwann Tränchen der Wut und des Schmerzes zur Folge hatte. Der Helmpflicht bin ich dankbar, sonst hätte ich sicher eine fette Beule gehabt, als ich nach einer halben Drehung mit seitlichem Überschlag, kurz, aber schwungvoll, mit dem Hinterkopf auf den leicht angefrorenen Schnee stieß. Ich war hart im Nehmen und es ging weiter.
Ich war froh, dass der Mann immer hinter mir fuhr, sonst hätte mich vielleicht keiner gefunden, als ich kopfüber mit ordentlich Geschwindigkeit und nicht fähig meine Beine zum Bremsen zu bewegen, über einen Schnellwall fuhr. Weg von der Piste. Gut, dass es nicht bergab ging.
Jetzt waren meine Kräfte völlig entschwunden und ich entschied, so lange noch alle Körperteile an Ort und Stelle waren, mit Mann und Freunden einzukehren und besser die Gondel nach unten zu nehmen.
Auch ausgiebiges saunieren und heißes Duschen half nicht, meine blauen Flecke in Schach zu halten und den Musekelkater abzuschwächen. Das sollte ich aber am nächsten Tag noch viel besser beurteilen können. Tag 2 war schnee- und regenreich und kein Bergwetter. Juhuu, jemand hatte mich erhört. Ich hatte auch genug ohne Skier unter den Füßen mit mir zu tun. Mich zu bewegen ging fast nicht mehr, und die Vorstellung, in die Skischuhe zu steigen und wieder raus in den Schnee zu müssen, brachte eine leichte Panikattacke hervor.
Tag 3, und ich war hochmotiviert. Gelernt aus Tag 1 buchte ich einen Skilehrer, der mir Sicherheit und Verbesserung bringen sollte. Albert war ein Almöhi. Geschätzte 105, vielleicht auch erst 69 Jahre alt. Dieses Urgestein durfte man auf keinen Fall unterschätzen, denn Albert hatte es drauf und fuhr wie ein junger Gott, und er konnte prima erklären. Ich wurde sicherer, verstand plötzlich die Geheimnisse der Ski-Physik und verbrauchte meine Kraftreserven nicht unnötig. Sollten der Wintersport und ich doch Freunde werden?
Es sah kurz danach aus, als wir, die Hütte zum Einkehren schon in Sichtweite, die letzten 200 Meter fuhren. Herrlichster Sonnenschein, ich, nicht übermütig, sondern ganz konzentriert und der überraschend autauchende Schneehaufen, durch den ich fuhr, und in dem ich bedauerlicher Weise stecken blieb.
Steckengeblieben ist aber leider nur ein Bein mit Equipment, der Rest von mir wollte zur Hütte, was die Folge hatte, dass ich mit verdrehten Skiern einen Salto machte und mit riesigen Schmerzen im rechten Sprunggelenk landete.
Nach einer exklusiven Talfahrt im AKIA (Rettungsschlitten) und einer kurzen Sightseeingtour im Krankenwagen, einem 2,5 Stündigen Aufenthalt im Krankenhaus, lag ich die anschließenden Tage mit angeschlagenen Hüften, schmerzender Schulter, Muskelkater an den meisten Stellen meines Körpers, etlichen blauen Flecken und einem hochgelegten Gipsbein im Hotelzimmer, schlief, schaute Serien und las. Wenn der Mann da war, nervte ich ihn mit meinen Wünschen und wollte unterhalten werden.
Er sprach irgendwann davon, es mache ihm alles nichts aus und er möge es, wenn ich hilflos wäre. Kennen Sie Misery??
Eine nicht ganz so dramatische Erfahrung hatte ich mal beim Versuch zu surfen, die endetet jedoch nur mit einem geprellten, blauen Jochbein und einem fürchterlichen Kopfschmerz, verursacht durch den Segelmast, der durch vorheriges Abklären mit dem Surflehrer, auf gar keinen Fall irgendeine Gefahr darstellen konnte.
Fehlt mir die Balance, die Übung, bin ich unsportlich und sollte es einfach akzeptieren?
Wenn der Fuß in einigen Wochen wieder in Ordnung ist, melde ich mich beim Reiten an, denn das Glück der Erde, liegt ja bekanntlich auf dem Rücken der Pferde….
Aber ich werde sicherheitshalber mal einen guten Helm und eine Protektionsweste tragen.

Ihr Fräulein Lindemann