Verstecken.

Jetzt im Frühsommer lässt der Winter seine Hüllen fallen.
Gnadenlos.
Gedankenlos.
Manchmal würdelos.
Und gerne erbarmungslos.
Plötzlich werden die weißen Beine aus den langen Hosen gelassen. Ja, liebe Männer, und das geht nicht nur uns Frauen etwas an. Eure weißen Baguettestangen ragen aus den ¾ oder 7/8 Hosen und stecken, wenn wir Pech haben, noch dazu in Socken und Treckingsandalen. Sind Männerbeine für kurze Hosen gemacht? Ja, manche, aber definitiv nicht alle. Ihr habt vielleicht weniger mit Cellulite zu tun, aber da sind abgeschubbelte Haare, neben kleinen Venenproblemen und Besenreisern, deutlich zu sehen. Abgesehen von den verschiedenen Weißtönen. Da gibt es weiß-weiß, rosa-weiß und tatsächlich auch grün-weiß.
Warum denken Sie, werden wohl die Strümpfe der Fußballspieler immer länger, bedecken die Knie und gleichen bald Halterlosen Strümpfen. Schon lange sind sie nicht mehr nur Halt für die Schienbeinschoner, nein, sie schonen auch unsere Augen vor so mancher übertrainierter, weißer Wade.
Selbstverständlich, und das sei hier auch gesagt, gibt es auch wunderschöne, muskulöse, leicht gebräunte, sexy Männerbeine. Aber selten, und halt nicht bei jedem. ( an den Mann: deine sind die schönsten, egal welche Farbe)
Jetzt, im Sommer, beginnen die Menschen auch wieder dem tristen, winterlichen Einheitsgrau die Stirn zu bieten, und sie fangen an, mit Farbe zu spielen, ohne allerdings zu bedenken, dass nicht jedes rosa und jedes zitronengelb zu ihrer „sonnengeküsster“ rot/rosa Haut passt, und dass für so manches ärmellose T-Shirt auch die Proportionen stimmen sollten.
Müssen jetzt alle Winkeärmchen unter dicken Stoffen verschwinden? Nein, aber manchmal reicht es schon, die passende Größe des Oberteils zu wählen und den angefressenen Winterspeck in die Kleidungsgrößenwahl mit einzubeziehen.
Und: Ringe trägt man am Finger, aber nicht am Bauch, zumindest nicht sichtbar für alle anderen.
Fußnägel sind ein anderes interessantes Gebiet. Der Mann wundert sich jetzt gerade wie ich über diese Situation schreiben kann, wo ich doch sonst, wenn ich ungepflegte Füße sehe oder auch nur über das Kürzen von Nägeln im Allgemeinen nachdenke, anfange zu würgen. Wirklich, der Gedanke daran bringt mich den Tränen nahe und verlangt mir höchste Konzentration ab, mich nicht im Schwall zu erbrechen. Aber für Sie, meine lieben Leser, nehme ich alles auf mich…und… bisher schaffe ich es, mit der beschriebenen höchsten Konzentration selbstverständlich, meine Contenance zu bewahren.
Wie unterschiedlich doch das ästhetische Empfinden ist, und wie stiefmütterlich oftmals Füße behandelt werden. Da wird im Gesicht gecremt und gezupft, gemalt und in Form gebracht, und je weiter man Richtung Erdmittelpunkt gelangt, je weniger wird dem ganzen irgendeine Form der Aufmerksamkeit geschenkt. Gelbe , gewölbte Nägel werden entweder halbherzig lackiert, und das auch nur alle 2-3 Monate, da ein Restfarbe einigen Menschen immer noch ausrecht, oder sie werden einfach, wie Mutter Natur sie sicher nicht in Erinnerung hatte, aus den dicken Socken herausgeholt und ins Freie gelassen, ohne jeglichen Gedanken an die umstehenden Mitmenschen zu verschwenden.
Manches grenzt an Körperverletzung.
Kürzlich bin ich mit einer Gruppe Senioren geflogen, wirklich lange in der Schlange zum Flieger wartend, hatte ich Zeit die verschiedensten Gerüche und den wilden Wuchs von Haaren, Nägeln und Haut zu begutachten. Über Tosca , 4711, Waschpulver bis hin zu atemraubendem Schweißgeruch war alles dabei.
Hornhaut war ebenfalls ein großes Thema. Hornhaut ist Haut, die durch Druck angeregt, anfängt sich weiter zu produzieren. Das Gute jedoch, liebe Leute, ist, und das scheint nicht jedem klar zu sein, man kann sie entfernen. Und das sieht gleich viel schöner aus. Menschen verdienen sogar Geld damit, fremde Füße wieder in Form zu bringen, sie zu waschen, pflegen, einzucremen, massieren, zu feilen und anschließend mit schönen Farben zu dekorieren.
Das, übrigens, machen Menschen auch mit Haaren, die an Stellen wachsen wo sie es nicht sollten, wie am Rücken, in Ohren oder Nasen, unter den Armen, an den Beinen…alles weitere ist Geschmackssache. Hier rede ich auch eher vom Entfernen als vom Feilen oder Eincremen.
Noch Drei Monate, dann ist Herbstanfang, und die Zeit der geschlossenen Schuhe und der langen Hosen beginnt wieder.
Ich kann es eigentlich kaum erwarten.

Fräulein Lindemann

 

Service.

Nicht jeder Mensch, und schon gar nicht jeder Arbeitnehmer, ist für einen Dienstleistungsjob oder für den Service geeignet. Ich bin sicher, dass große Unternehmen ihre Mitarbeiter schulen, aber ich bin auch sicher, dass Mitarbeiter den Level ihrer Freundlichkeit oftmals dem Ihres monatlichen Gehaltsschecks, angleichen.
Freundlichkeit wird auch in unterschiedlichen Ländern anders interpretiert, und dann kommt alles auch noch auf den Sprachklang bzw. die Stimmfarbe an.
Wenn ich also bei DELL anrufe, um auf ein Problem hinzuweisen und neue Patronen für meinen Drucker zu bestellen, ist die erste Hürde die Computerstimme, die mich je nach Problem, an 1, 2 oder 3 verweist. Mein Problem schien aber irgendwie eher bei Nr. 4 oder 5 zu sein, da es diese Optionen nicht gab, musste ich auf die freundliche DELL-Mitarbeiterin warten, die mich mit hartem östlichen Spracheinschlag kurz und knapp fragte, „wo denn Problem sei“.
Wir klärten das und nach 35 Minuten, mittlerweile auf höfliche Floskeln verzichtend, gingen wir auseinander. Ich schwor mir, privat niemals einen DELL Computer zu erwerben, und ich stand vermutlich auf ihrer persönlichen Blacklist.
Letzten Montag wollte ich nach Kopenhagen fliegen, nach den Erfahrungen der letzten Wochen und der immer knapper werdenden Beinfreiheit und des reduzierten Sitzabstandes zum Vordermann, versuche ich eigentlich Airberlin zu vermeiden. Nun gut, ich hatte dieses Meeting, zu Fuß gehen, zu schwimmen oder die Bahn zu nehmen, waren keine Option, auch wenn ich im Nachhinein schneller angekommen wäre.
Somit fuhr ich also rechtzeitig am Montagmorgen zum Flughafen, da sich der Online-Check-in als unmöglich rausstellte. Noch früher als sonst, genauer: 20 vor 7. So früh morgens loszufahren ist nicht meine Lieblingsbeschäftigung, aber ich wollte sichergehen.
Beim Einchecken hieß es, mehr oder wenig freundlich, dass der Flug überbucht sei und ich mich beim Gate melden sollte. Mehr oder wenig freundlich, erwiderte ich, dass ich den Flug vor mehr als 4 Wochen käuflich erworben hätte, und mir jegliche Form der Überbuchung relativ schnuppe sei, und ich auf jeden Fall diesen Flieger besteigen würde, notfalls auch auf dem Schoss des Co-Piloten.
Mit meinem Ticket – ohne Sitzplatz- marschierte ich also zum Gate- dort jedoch tauchte die nächste dreiviertel Stunde niemand auf, aber ich blockierte den Schalter so, dass ich auf jeden Fall das erste Gespräch mit Mitarbeiter XY führen würde. Hinzukommende Mitbeschwerern machte ich durch gezieltes, böses, Augenbrauen hebende Ansehen klar, dass Vordrängelt für sie ein echtes Überlebensrisiko bieten würde. Ich war dann auch die erste, und auf Beschwerden- Umgang geschult, versicherte man mir, dass es leider nicht in Person XYs Macht läge, mir einen Sitzplatz zu besorgen, er aber alles täte, und meinen Umut sehr gut verstünde. Unmut? Ich hatte noch gar nicht angefangen unmütig zu sein. Das kam dann erst, als definitiv klar war, ich käme nicht mit, da der Flieger komplett voll war, und leider auch jeder Gast vorhatte, seinen Weg nach Kopenhagen anzutreten.
Am Servicecenter der Airberlin wurde ich ein wenig unmütiger. Hier buchte man mir einen neuen Flug, 2,5 Stunden später, allerdings nicht direkt zu meinem Ziel, sondern mit einem kleinen 45 minütigen Stopp in Berlin. Meinen jetzt doch etwas stärkeren Unmut unterstrich ich mit Verspätungsbeispielen der letzten 3 Wochen, in denen ich 4x mit AB fliegen musste, und ich 4x mit 1,5 bis 2,5 stündiger Verspätung an meinem Reiseziel ankam und meinen nachfolgenden Flieger nur durch sportliche Laufeinlagen pünktlich erreichen konnte.

Zu passender Uhrzeit stand ich am Gate und stellte mit leichter Irritation fest, dass der Flieger noch nicht da war und auch nicht in nächster Zeit erwartet würde. Aus 20 Minuten wurden 45 Minuten, daraus dann 1,5 Std, was meinen Anschlussflieger definitiv ohne mich starten lassen würde.
Zurück zum Servicecenter.
Dort kannte man mich ja schon. Man suchte mir einen neuen Flug heraus, der allerdings auch schon wieder überbucht war.
Eine Alternative mit der Lufthansa oder KLM war man nach Anfrage beim Management nicht bereit mir zu buchen. Ich fragte nach, wie es denn zu diesen Überbuchungen käme, und die Dame erklärte mir nur mit leichtem Schulterzucken, das hätte man sich von der LH abgeschaut. Meine persönlichen Erfahrungen interessierten sie nicht, auch nicht mein Versprechen, niemals mehr mit AB zu fliegen und meine Verbitterung, dass wenn es die Linie in 3 Monaten nicht mehr gäbe, alle selbst daran Schuld hätten.
Ich flog irgendwann mit meiner ursprünglichen Maschine, als sie es endlich nach Düsseldorf schaffte, und wartetet 5 Stunden in Berlin Tegel auf meinen Anschlussflug. Mein Meeting war Geschichte, aber immerhin habe ich es noch zum Abendessen geschafft, obwohl ich nicht zu jedem Zeitpunkt der Reise sicher war, es zum Frühstück am nächsten Morgen zu schaffen.
Gestern habe ich mir die Bahncard 50 bestellt. Sicher ist sicher…

Ihr Fräulein Lindemann

 

DM

Nein, nicht die gute alte “Deutsche Mark”. Auch nicht der Drogerie-Discounter Ihres Vertrauens.
Für mich steht DM für: Depeche Mode.
Mein persönliches, weiterentwickeltes Überbleibsel der späten 80er Jahre.
Ich habe immer versucht mir den Namen zu erklären, aber laut Wkipedia ist er einem französischen Modemagazin entliehen und, auf Accent hier und da verzichtet, „verenglischt“ worden.
Mir sind die Jungs damals nicht durch ihren Modestil ins Auge gestochen, der war eher zeitgemäß. Martin, mit kurzen Seiten und einem Wischmopp obendrauf, Dave in Feinrippunterhemd, Lederjacke und Sonnenbrille. Vince Clarks Zeiten sind an mir vorbei gegangen, wobei es sich bei Zeiten hier auch nur um 1 Jahr handelte. Den verbinde ich nur mit Yazoo, dem Synthie-Pop treugeblieben.
Vor 3 Tagen waren der Mann und ich auf einem DM-Konzert. Ich habe die Karten zu Weihnachten bekommen. Das muss den Mann viel Zeit, Geld und Nerven gekostet haben, denn die Karten standen auf Platz 1 meiner Wunschliste, und die Karten waren in Windeseile ausverkauft.
Es gab sie nur noch über windige Kanäle und zu absurden Preisen.
Warum ich das weiß? Weil der Mann es hin und wieder erwähnte, wohl auch um mir zu zeigen, wie sehr ihm meine Wünsche am Herzen liegen, und dass er Berge versetzen würde und sich schon gar nicht von einem ausverkauften Konzert einschüchtern lassen würde. Toller Mann!
Nun gut, ein 1 ½ stündiger Stau bei der Anfahrt zum 13 km entfernten Open-Air Stadion, hätte seine vorherigen Mühen fast zu Nichte gemacht. Leicht entnervt grummelte er, dass wenn die Karten nicht so unverschämt teuer gewesen wären, wir auf der Stelle zurück nach Hause fahren würden.
Natürlich nicht! Vorher wäre ich ausgestiegen und zu Fuß weiter gelaufen und das, wo mir zu Fuß gehen eigentlich nicht sonderlich liegt, schon gar nicht bei einer Außentemperatur von 26,6°C.
Wir fuhren weiter, und ich blieb, die aktuelle CD rauf und runter spielend, um uns schon mal etwas in Stimmung zu bringen.
Irgendwann fanden wir einen Parkplatz, eigentlich nur, weil wir uns frech an einer Schlange vorbei drängelten und dann wieder im passenden Moment einscherten. Das sparte wohlmöglich weitere 35 Minuten. Und es war kommunikativ. Andere Autofahrer ließ unser Verhalten hupen und gestikulieren.
Aber hier haben der Mann und ich ein dickes Fell, und ich winkte freundlich zurück.
Für eine Großveranstaltung mit 45,000 Gästen fanden wir unsere Plätze, Bier und Bratwurst zügig. Die Vorgruppe sang aus Leibeskräften gegen den unmöglichen Sound der Anlage an, und der hässliche Vogel, den sie Sänger nannten, performte mit wildschwenkenden Armen, wankendem Oberkörper und gelegentlichem durch die fettigen Harre fahrend, zu seinem Garagen-Brit-Rock/Pop-Getöse.
Dann aber kamen sie, die Helden meiner Jugend! (und Jetztzeit- bin ja noch immer jung)
Martin Gore, immer noch geschminkt wie eh und je, hätte über die Jahre schon einmal die ein oder andere Gesichtsmaske auftragen können…und früher ins Bett gehen sollen.
Und Dave? Dürre wie eine Bohnenstange, Haare nach hinten gegelt, und in einem verdächtig wirkenden satten schwarz, mit einem 3 Musketiere Schnäuzer und plötzlich aussehend wie Ben Kingsley, stolzierte wie ein Gockel über die Bühne. Er gab alles!
I loved it!
Mit den ersten Liedern tat ich mich etwas schwerer, aber dann, mit „World in my eyes“, da hatte er mich. Ich machte eine persönliche Zeitreise und fühlte mich wie 16 Jahre alt. Alle anderen um mich herum auch.
Der Mann und ich sangen aus voller Kehle mit, und es war großartig!
Leider sind Frank Zappa & Co ihrem früheren Lebenswandel recht schnell zum Opfer gefallen, oder einfach nur mit dem Flugzeug abgestürzt, sonst würde ich mit dem Mann seine Zeitreise in seine Jugend starten.
Und vielleicht ist es auch manchmal gut, an den guten alten Erinnerungen nicht rumzubasteln, sie zu lassen wie sie sind, und sie nicht zu ersetzen.
Udo Lindenberg ist da die Ausnahme, der wird im Alter immer besser und ich habe gesehen, dass Bad Religion wieder auf Tour sind- mit oder ohne Rollator? Das stand da nicht.

Fräulein Lindemann

 

Alter.

Wenn ich in Meg Ryans oder Melanie Griffiths Gesicht schaue, bin ich betreten.

Wo sind sie hin, die gutaussehenden, niedlichen, wunderschönen, zauberhaften Frauengesichter? Zurück bleiben nur hässliche Fratzen. Ach nein, Fratzen bewegen sich ja, hier bewegt sich leider nichts mehr. Ein erstarrtes Gesicht, mit aus der Form und über sich heraus gewachsenen Lippen. Einige sagen Schlauchbootlippen dazu. Unfair für das Schlauchboot, allerdings assoziiere ich mit Schlauchbootlippen eher Chiara Ohovens Oberlippe, die selbstverständlich auf gaaaar keinen Fall aufgespritzt wurde, sondern nur aufgrund der neuen Haarfarbe auf Fräulein Ohovens Kopf, ein klein wenig aufgeplusterter erscheint.

Cher ist da eher ein Kunstwerk. Außerdem achtet sie auf die korrekte Beleuchtung ihres Gesichts, was uns Zuschauern das ein oder andere entsetze “Oha“ und Stirnrunzeln erspart.

Was ist ok, und wo überschreitet man die Grenze des guten Geschmacks oder der gängigen Auffassung von Natürlichkeit?

Ich habe mir neulich „Augentrost“ gekauft. Der Beipackzettel und die Internetgemeinde schwören darauf, dass er „Horst Tappert- Gedächnistränensäcke“ mildert- also stark mildert- und kleine Falten und Schatten reduziert. Bestimmt kann der Augentrost noch mehr und eigentliche eine geheime Allzweckwaffe. Ist die Tube alleine im Alibert? Nein, natürlich nicht. In bin stark gefährdet Kumpels und Freunde dazu zu kaufen. Nur für die Augen? Quatsch, auch für die Stirnfalten, die Zornesfalte, ein ebenes Hautbild, gegen Cellulite und fehlende Feuchtigkeit, einen Porenverfeinerer, sowie Peelings und Hautmasken.

Jawohl, der Mann und ich haben einen großen Alibert und nicht nur die kleine Mädchenversion.

Jeden Morgen begutachte ich mein Gesicht und primel an meiner Haut herum. Wo noch nichts ist, schaffe ich es, in Nullkommanix etwas entstehen zu lassen.

Neulich im Hotelbadezimmer gab es diesen großartigen, super beleuchteten Vergrößerungsspiegel. Das ist ja mein persönlicher Traum. Der Mann lehnt so einen Spiegel zuhause ab, da er befürchtet, ich verlasse das Bad nicht mehr oder malträtiere mein Gesicht so sehr, dass er Schwierigkeiten hätte, mich wieder zu erkennen, oder mit mir das Haus zu verlassen.

Zurück zum Spiegel.

Ich, die alles kontrollierte, stellte mit großem Schrecken fest, da wächst tatsächlich ein graues Haar aus meiner linken Augenbraue. Nicht irgendein klitzekleines Minihaar. Nein, ein gefühlt 2 cm langes „Theo Weigel Augenbrauenhaar“, weiß wie Schnee, dick wie ein Baum und leicht gekräuselt wie eine Antenne abstehend.

Auf diese unvorhersehbare Situation nicht vorbereitet und keine Pinzette zur Hand versuchte ich mit spitzen Fingern diese kleinen Monster zu ziehen. Ging natürlich nicht. Es ragte weiterhin wie der Kölner Fernsehturm aus meinem Gesicht heraus und ich hätte problemlos Radio darüber empfangen können.

Schließlich versuchte ich es mit Seifenwasser um das Haar in den Rest der Braue zu integrieren, etwas zu verstecken und anzulegen. Ging so, der Versuch, aber ich hatte ja keine Wahl.

Reise ich zukünftig besser ausgestattet mit mehr Equipment, definitiv. Warum haben graue Haare nur diese narzisstischen Züge und wollen ständig und überall im Mittelpunkt stehen?

Morgen mache ich erst einmal einen neuen Termin in der Brow-Bar und hole mir professionelle Hilfe im Kampf gegen das Alter.

Ihr Fräulein Lindemann

 

 

Frühling

Die klare Abgrenzung und Einteilung der Jahreszeiten gibt es schon lange nicht mehr. Winter? Den letzten Schnee habe ich bei meinen Skiversuchen in Österreich gesehen. Seit 6 Jahren lagern der Mann und ich eine Schneeschüppe und einen Sack Streusalz (ja, liebe Umweltfreunde, Streusalz…)

Der letzte fette Winter, den ich miterlebte, der war vor 7 Jahren in Berlin. Da war der ganze Kiez eingeschneit und eisig. Autos kamen nicht mehr aus der Parklücke, und für den Berliner war es gefühlt das erste Mal, mit dem Auto bei diesen Wetterbedingungen zu fahren. So sah das dann auch aus. Alle fuhren im Schneckentempo, wie auf Eiern und auch gerne noch mit Sommerreifen.

Man konnte die Straße nicht mehr vom Bürgersteig unterscheiden, und alle Menschen schienen irgendwie überrascht zu sein. Niemand war recht vorbereitet. Ich auch nicht, als ich auf dem Weg zum Park im hohen Boden ausrutschte und aus Standhöhe auf meinen Hintern fiel. Es ist kein großartiges Gefühl, wenn man merkt, wie der Ruck durch jede einzelne Wirbeletage rumst und man am Ende benommen im kalten Schnee sitzen bleibt, weil man alleine nicht mehr hochkommt und der Hintern kalt wird. In Berlin wird gerne Rollsplitt gestreut. Umweltfreundlicher, dem Schuhmacherhandwerk zuträglich, aber nicht effektiv. Daher meine Tendenz zu Salz, und dass nicht nur in der Pasta.

Der Frühling macht mich müde. Ich habe das Gefühl mein Zustand ist gleitend- vom Winterschlaf direkt in die Frühjahrsmüdigkeit. Alleine schon beim Schreiben darüber, fange ich wieder an zu gähnen.

Frühjahr bedeutet auch, nicht mehr alleine im Garten zu sein. Alles kommt rausgekrabbelt. Kleine Mäuse fressen sich den Wanzen voll an Tulpenzwiebeln. Nicht an unseren, ich habe keinen grünen Daumen und habe das auch akzeptiert, aber der Nachbar pflanzt fleißig. Und ist am Ende traurig, schwört, es war das letzte Mal um im darauffolgenden Jahr noch mehr zu pflanzen.

Ich mag Insekten nicht. Weder Zecken, die den Nachbarhund befallen, noch die Marienkäferinvasionen, die beim letzten Sonnenstrahl im Hebst das Haus einzunehmen gedenken. Hunderte krabbeln am Haus entlang und nisten sich entweder in den Fensterrahmen, oder gleich direkt in unserem Schlafzimmer ein. Früher fand ich sie außergewöhnlich, so niedlich, habe Punkte gezählt und mir etwas gewünscht. Heute sauge ich sie weg. Die Roten und die Schwarzen. Ich ekel mich vor dem Geruch, der aus dem Staubsauger kommt und ich muss mich bei dem Gekrabbel schütteln.

Im Frühjahr kommen die aus ihren Ecken gekrochen, die, die ich im Hebst nicht erwischt habe und liegen dann mit den riesigen, trägen, alten Wespen, die nicht gesund aus dem Winterschlaf erwacht sind, auf der Fensterbank-tot.

Gerne in unserem Schlafzimmer, und gerne auch im Familienverbund.

Jedes Jahr im Frühling beginnt der Rasenwettbewerb. Es wird vertikutiert, gesät, gedüngt und gekalkt. Es wird gegossen und ich bin sicher, wenn ich nicht schaue, singt der Mann auch Gutenachtlieder.

Hier verlieren wir gegen den Nachbarn. Unser Rasen hat jede Menge Unkraut und Blümchen. Mir macht das nichts, denn dafür liegen wir im Sonnenblumenwettbewerb ganz vorne. Diese Blumen brauchen Wasser und ihren Frieden. An das Wasser versuche ich zu denken und Nichtbeachtung geht gut. Im letzten Jahr war unsere größte über 3m hoch. Wir mussten sie für ein Wochenende alleine lassen, im guten Glauben an das Gute. Das Gute gibt es in diesem Wettbewerb nicht. Wir bekamen eine What´s App mit dem Foto des Sonnenblumenkopfs, abgetrennt vom Stiel, auf unserem Rasen liegend.

Dieses Jahr bin ich vorbereitet für diesen unlautereren Wettbewerb, und es gibt eine Revanche. Genaues habe ich noch nicht überlegt, aber ich bin kreativ, und ich kann warten.

Jetzt werde ich mich erst einmal mit einem Rosa farbenden, alkoholischen Kaltgetränk auf die Terrasse in meinen Strandkorb setzen und die Sonne genießen- fliegendes und krabbelndes Ungeziefer hin oder her, die warme Sonne auf meiner Haut genießen und mich auf den Sommer freuen.

Ihr Fräulein Lindemann

 

Hektik.

Ständig diese Hetzte!

Denken Sie das nicht auch ständig? Alles läuft unter Zeitdruck, man macht 1,000 Dinge gleichzeitig. Das Problem daran ist nur, die Qualität sinkt, denn es ist quasi unmöglich 1,000 Dinge gleichzeitig zu tun.

Es gibt vielleicht Parallelwelten, aber selten Parallelrealitäten. Hier gibt es nur eine Realität, und die erfordert 100%ige Aufmerksamkeit und manchmal auch Erinnerungen. Eine solche Erinnerung sehe ich jedes Mal, wenn ich den Flughafen verlasse, unten beim EXIT. Da hängt ein großes Schild über dem Zollbereich mit den Worten: Vergessen Sie nicht, Ihr Gepäck beim Verlassen dieses Bereiches, mitzunehmen.

Ich muss schmunzeln. Vergessen manche Leute wirklich Ihr Gepäck?

Der Mann behauptet immer, Frauen seien Multitasking. Leider ist das nicht korrekt.

Wir, oder zumindest ich, bin es nicht. Ganz simpel, ich bin wie 10, lasse mich ablenken, bin zerstreut, habe keine selektiven Hörfähigkeiten, die mich etwas machen lassen und parallel aus einem Gespräch die wichtigen Informationen filtern lassen. Da bin ich ein hoffnungsloser Fall.

Oftmals, während Telefonkonferenzen, die nicht unmittelbar meine komplette Teilnahme erfordern, bearbeite ich nebenbei Emails. Ich lese sie kurz durch, manchmal beantworte ich sie auch, all das genau bis zu dem Zeitpunkt. an dem es in meiner Telefonleitung hießt: Und, wie ist Ihre Meinung dazu, Fräulein Lindemann? Die ist dann kurz sprachlos und sagt entweder: ganz schlechte Verbindung, könnte bitte jemand die Frage noch einmal wiederholen? Oder, wenn ich noch mit einem halben Ohr mitgehört habe, und mein Vorgänger schon seine Meinung kundgetan hat und ich auch generell auf seine Meinung Wert lege, einfach sage, dass ich xy komplett zu stimme.

Ich bin nicht alleine. Erst gestern habe ich mit einer Mitarbeiterin telefoniert, hörte das bekannte „Pling“, das eine neue Email ankündigte und dann erst einmal nichts mehr. Stille. Ich sagte auch nichts, wollte ich doch wissen wie es hier weitergeht.

Das ging gefühlte 6 Minuten so, dann ein „ok“ und irgendein Gegrummel. Ich fragte, was genau denn „ok“ sei und wieder: Stille. Dann bekam ich einen Lachanfall und sie auch.

Warum konzentrieren wir uns nicht auf eine einzelne Sache und machen sie gut. Warum lassen wir und ablenken, warum erlauben wir der Hektik unser Leben zu bestimmen? Und manchmal unsere Qualität.

Wir stressen uns, und das ist ungesund, außerdem verursacht zu viel Hektik: Unaufmerksamkeit.

Den einen Gedanken oder die eine Aufgabe im Kopf, ist es schier unmöglich, Platzt für weitere zu schaffen.

Neulich war ich im absoluten Zeitdruck, wir bekamen Besuch übers Wochenende, 2 Erwachsene, 1 Baby und 2 Hunde, der Mann wollte mit dem männlichen Erwachsenen zum Fußball und ich kam erst abends von meiner Reise zurück. Wenn es schiefläuft, dann konsequent überall.

Der Besuch stand im Stau, mein Flieger hatte Verspätung. Der Mann zuhause wurde wahnsinnig, denn eines war klar, der Anstoß des Spiels wurde nicht aufgrund unserer widrigen Umstände verschoben.

Als er dann doch endlich landete, schienen alle am Flughafen recht überrascht zu sein, denn es fand sich einfach keine Treppe und auch kein Bus.

Irgendwann war auch das Probleme gelöst, und ich sputete los, damit die nicht Fußballverrückten Anteile unseres Besuches (hauptsächlich Frau, Baby und Hunde) nicht alleine waren, während die Fußball hungrige Meute ihrem Fußballfieber erlag.

Ich düste im Affenzahn durch die Flughafenhallen, zahlte mein Parkticket, schloss mein Auto auf und… bemerkte, dass irgendetwas fehlte.

Mein Koffer.

Ich war ohne meinen Koffer aus dem Gebäude gerannt. Also zurück.

Einmal aus dem Zollbereich heraus, ist es wiedersagt und strengstens verboten, zurück zu gehen. Unter Zeitdruck stehend wägte ich meine Optionen ab und entschied mich fürs Zurückschummeln.

Auf einen größeren Schwung Menschen wartend, die aus der elektronisch schließenden Tür strömten, duckte ich mich und schwamm gegen den Strom zurück. Drin war ich.

Mein Koffer war noch nicht da, und ich musste weitere 10 Minuten warten.

 

Ihr Fräulein Lindemann

 

Technik.

Ich mag es nicht, wenn Dinge, die gerade noch funktionierten, das plötzlich aus unerklärlichen Gründen nicht mehr tun. Ich hatte mal einen Anrufbeantworter, so einen, wo noch eine kleine Minicassette drin war.(das kleine rechteckige Ding mit den 2 Löchern und dem aufgerollten Tonband drin- auf der Tonträger-Evolutionsleiter zwischen Schallplatte und CD)

Neben meinem Verlängerungskabel von 9 m für mein Telefon, übrigens mein ganzer Stolz, war er mein Tor zur Außenwelt.

Irgendwann dachte ich, es wäre Zeit meinen Ansagetext neu zu besprechen. Das Unheil nahm seinen Lauf.

In der „Mobiltelefone gibt es noch nicht für jedermann- Zeit“, und die, die es gab sind so groß wie ein Reisekoffer und kosteten ein Vermögen, musste ich also zu meinen Nachbarn, mich von dort anrufen, um zu hören, ob der Anrufbeantworter auch ansprang, obwohl das kleine grüne Lämpchen leuchtete.

Das tat ich gefühlte 98 Mal, in der Realität waren es vermutlich nur 8-9.

Irgendwann war ich so wütend, dass ich das kleine blöde Ding mit vollkaracho aus der Wand riss und auf den Boden schmiss. Nicht nur einmal, sondern 3-4-mal, ja, um ganz sicher zu sein, dass sich nichts mehr tut. Ich fuhr zum Mediamarkt und kaufte mir einen neuen.

Ich bin technisch nicht begabt, oder besser gesagt, es hat und wird mich auch niemals interessieren, wie Dinge funktionieren, oder wie man sie repariert. Ich bin ungeduldig und bekomme so eine große Wut, die beinahe unkontrollierbar aus mir heraussprudelt, wenn etwas nicht so läuft wie ich möchte.

Ich verstehe viele Sachen einfach auch nicht. Mich interessiert nicht was passiert, wenn ich auf einen Knopf drücke, ich möchte nur, dass es funktioniert. Der Weg dahin ist uninteressant.

Würde ich eine Zeitreise machen und plötzlich 100 Jahre in der Vergangenheit aufwachen, wäre ich nutzlos. Oder könnten Sie einen Motor erklären oder ein Flugzeug bauen, das tatsächlich fliegen kann? Wie funktioniert ein Computer, ein Radio oder ein Fernseher? Wie das Internet?

Der Mann kann Sachen reparieren, und er interessiert sich auch dafür, vielleicht ist das so ein Männer- Frauen- Ding?

Unser Kopfgrill (also unser Heitzpilz im Garten) hatte nach dem Winterschlaf so keine Lust mehr gehabt, richtig aufzuwachen. Genug Gas war in der Flasche, somit identifizierte der Mann ein kleines Brennerproblem. Er schaute im Internet nach, las Rezessionen, bestellte das Teilchen nach und baute es mit You Tube-Hilfe wieder ein und…..tatatataaaa….

Ich platze schon vor Ungeduld, wenn der Rasenmäher nicht beim ersten Versuch des Anlassens anspringt. Früher konnte ich Zündkerzen bei meinem Roller austauschen und meinen Käfer, wenn ich mal wieder das Licht angelassen hatte, in Windeseile überbrücken.

Heute bin ich nicht mal mehr sicher, ob ich die Batterie finden würde.

Dafür kann ich Knöpfe bedienen, den meines Telefons, um den Mann um Hilfe zu bitten.

  

 

Ihr Fräulein Lindemann

 

Grenzenlos

Ich bin als Kind nie verhauen worden, nie wirklich gemaßregelt.

Hatte ich einen starken Willen? Hmm, vielleicht. Habe ich immer das gemacht, was ich sollte? Definitiv nein. Schon mit 4 habe ich meine Mutter in den Wahnsinn getrieben

Ich sollte mein Zimmer aufräumen. Tat ich nicht. Nach ewigem hin und her entschied meine Mutter mich mit einer Drohung zu überzeugen. Mein Spielzeug käme in den Müll. Interessierte mich nicht. Auch dass meine Mutter diese Drohung 2, 3 Mal wiederholte, hat meine Einstellung nicht verändert. Um glaubwürdig zu bleiben, holte also meine Mutter irgendwann die Oscar-Mülltonne (kennen Sie noch die alte „Sesamstrasse“?) in den 2. Stock die Treppen herauf und entsorgte mein gesamtes Playmobil.

Ich heulte wie ein Schlosshund, aber auf die Frage meiner Mutter, ob ich dann doch aufräumen würde, kam nur ein trotziges: nein.

Ich bewundere meine Mutter sehr über die Fassung, die sie behielt und die Tatsache, dass sie mir den Hintern nicht versohlt hat, wie es zu dieser Zeit durchaus üblich war, und sie diesem innersten Drang, auch ohne Meditation und Yoga, wiederstehen konnte.

Diese Haltung hat sie bis heute beibehalten, und es gab sicher viele Situationen, in denen ich sie bis zum Äußersten gereizt und auf die Palme gebracht habe.

Ich wurde nie gehauen. Mit 18, 19 (vor 10 Jahren etwa) war ich mit meinen Freunden auf einer Party. Einem Typen dort bekam der Alkohol in der dargereichten Menge gar nicht, und er kloppte auf den Freund meiner Freundin ein. Feige und hinterhältig, und selbstverständlich grundlos, gab es einen Tritt zwischen die Beine. Carl, ebenfalls aus einem zivilisierten Elternhaus kommend, konnte sich vor Schmerz und Benommenheit nicht wehren. Ich glaube, hätte er noch genug Luft zum Sprechen gehabt, hätte er es auch gerne ausdiskutiert anstatt männlich zu antworten. (Vater Geschichtsprofessor- Mutter Malerin)

Meine Freunde und ich waren empört. Dem Blödmann gegenüberstehend, erklärte ich meine Abscheu, und ich erinnere mich , dass ich auch Worte wie „Asozial“ und „Vollpenner“ nutzte. Da holte der doch tatsächlich noch mal aus, und nur ein guter Reflex und ein beherzter Schritt nach hinten retteten mich vor einem schmerzhaften Schlag, so bekam ich nur einen leichten Klaps. Meine Empörung wuchs, allerdings schrumpfte meine Fähigkeit, ihn zu treten, beißen oder sonst irgendeine Form von Ausgleich zu finden, gegen Null. Weitere Reflexe waren nicht existent. Wie konnte er nur diese Grenze überschreiten? Erstens war ich ein Mädchen und zweitens hatte er ein Hirn, oder zumindest Teile davon die die Höhle auf seinem Hals füllten, die ihn auf meine Provokation anders hätten reagieren lassen müssen. Und, ich war ein Mädchen. Und ich wiederhole: ich war ein Mädchen.

Meine Freundin, die auch Carls Freundin war, hatte einen, sagen wir mal so, etwas handfesteren Vater, der es mit der Behandlung seiner Tochter, wenn ihm etwas missfiel, auch nicht so genau nahm. Sarah hatte die Grenzenlosigkeit ihres Vaters schon einige Male spüren müssen und war somit von unserem kleinen Schläger so gar nicht beeindruckt. Schmerz interessierte sie nicht, und über den Punkt der Empörung über die schlagende Zunft, war sie schon lange hinaus.

Sie fing ihn einige Zeit später bei der Toilette ab, holte aus und verpasste ihm mit ihren Boots den Tritt seines Lebens – mit Grüßen von Carl und mir. Er heulte auf und schwor Rache. Da fing er sich gleich noch eine. Sarah lächelte ihn an und sagte, dass sie sicher wäre, er würde die Party umgehend verlassen und sicher niemandem erzählen, dass er von einem Mädchen versohlt wurde. Ich stand die ganze Zeit Schmiere. Er ging. Zwei Tage später rief er bei mir zuhause an und entschuldigte sich.

Wieso übertreten manche Menschen die Grenzen, und wieso können Sie das und sind nicht blockiert wie andere?

Warum zählt der Mädchenbonus nicht mehr, sondern es sind die Mädchen die verhauen? Ich meine nicht Sarah, die hat nur ihre Freunde beschützt und ihren Freund verteidigt.

Am Wochenende waren der Mann und ich mit 2 Freundinnen bei „Tanz in den Mai“ und tanzten fröhlich mit allen Altersklassen durch den Abend, bei Livemusik und Kölsch. Gerade mal neues Bier holend und altes wegbringend, musste ich sehen wie eine Gruppe Damen, mittendrin meine Freundin und der Mann, etwas schubsend, umgeben von zwei Security-Männern, wild diskutierten. Speziell eine junge Dame motze auf meine Freundin ein und stand viel zu dicht vor ihr. Ich stellte mich vorsichtshalber mal dazwischen, immer mit der Hoffnung, dass der Mann mich im Notfall vor diesem wildgewordenen, laut schimpfenden, halb so alten Mädchen beschützen würde.

Es stellte sich heraus, dass der Tanzstil meiner Freundin, der Dame und ihren 4 Freundinnen missfiel und zu viel Platz einnahm, und sich beim anschließenden Diskutieren und Anbrüllen irgendwie der Ellbogen der einen, mit der Nase der Freundin zusammenstießen. Der Abend wurde dann beendet.

Ich habe noch immer die stille Hoffnung, dass es sich bei dem Zusammenprall um ein Versehen handelte. Fakt jedoch ist, dass es 5 gegen eine waren, und der Mann einer der aufbrausenden Trusen (Damen, wäre hier nicht mehr angebracht) die Arme hinter ihrem Rücken festhalten musste, nur so zur Sicherheit, weil ihre Arme doch plötzlich einen größeren Bewegungsradius einzunehmen schienen.

Was war noch der Grund?

Genau, Kleinigkeiten! Wir übersehen und dulden nichts mehr, unsere Toleranz und Akzeptanz ist kaum noch existent. Stattdessen echauffieren wir uns und einige werden sogar handgreiflich.

Ich werde überlegen, ob ich einen Selbstverteidigungskurs machen sollte, oder das Pfefferspray regelmäßiger mitnehme. Nur so zur Sicherheit.

Ich habe den Mann gefragt, ob er mich verteidigen würde, also genauer, ob er im Notfall andere für mich, wenn nötig, verkloppen würde.

Er sagte ja, und ich bin froh.

 

Ihr Fräulein Lindemann

 

Geht nicht.

Wo ein Wille, da auch ein Weg, denn: „geht nicht“, gibt es nicht. Alles geht, mal besser und mal mit kleinen Hürden

Wie oft habe ich mich in der Vergangenheit gefragt, warum in Leihwagen in den Tankeinführstutzen ein Aufkleber klebt mit dem Wort DIESEL.

Der Mann lacht immer und sagt, dass es nur ein Hinweis sei, aber man eigentlich gar nicht falsch tanken kann, da der Tankrüssel beispielsweise des Diesels gar nicht in einen Benziner passt.

Habe ich schon erzählt, dass ich einen DIESEL fahre, und der Wagen des Mannes am liebsten SUPER plus trinkt?

Neulich, etwas in Hektik, weil mit dem Mann zum Abendessen verabredet und etwas spät dran, musste ich auf der Rückfahrt nach Hause auf der Autobahn tanken. Kurz vorher noch mit der Mutter telefoniert und das Gesagte im Kopf noch einmal abgespult, erwische ich mich, zwar kurz verwundert, weil irgendetwas anders war als sonst, wie ich den Dieseltankrüssel auf das viel zu kleine Loch im Sportwagentank des Mannes drücke, bis das Hirn endlich ansprang und STOPP schrie.

2,67 l Diesel an einem Ort, an dem sie auf gar keinen Fall hingehörten.

Etwas beschämt und mit hängenden Schultern ging ich in die Tankstelle hinein und erklärte der netten Dame an der Kasse mein Problem.

Ich schien nicht die erste Person zu sein, der das passierte. Vorher noch gelacht und geschworen, dass mir sowas niemals passieren würde, jetzt jedoch demütig die Notfallnummer des ADAC und den Flyer eines lokalen Problemlösers in der Hand- so schnell änderte sich das Blatt.

Ich rief beide an, und beide versicherten mir, dass der Diesel dringend wieder heraus müsse. Der Problemlöser sagte, bis 5% des Gesamtvolumens wäre das alles kein Problem, jedoch bei einem 50l Tank lag ich genau 0,17l drüber und seiner Meinung nach genau 0,17 l zu viel.

Er wollte zu alle dem 300,-€,( das hatte vermutlich nichts mit seinem Ratschlag zu tun) und er versprach in der nächsten Stunde dort an meiner Autobahnraststelle zu sein, er müsse noch Benzin aus einem Dieselfahrzeug entfernen, nur da hatte der Tankende nicht meine Reaktionsfähigkeit, sondern tankte voll. Übrigens ein Mann.

Hungrig, maulig und recht ärgerlich über mich selbst, rief ich den Mann zu Hause an und erklärte meine Misere und auch, dass er unsere Restaurantreservierung nach hinten verschieben müsse. Der Mann hatte, er würde an dieser Stelle sagen: wie immer, einen guten Einfall und rief die Werkstatt unseres Vertrauens an. Hier war man entspannt und sagte, ich solle volltanken, mit dem richtigen Kraftstoff selbstverständlich, und es hätte sich.

Ich fuhr nach Hause. Vor dem Haus parkend und noch nicht ganz ausgestiegen, kam der Mann schon aus der Haustür heraus und grinste. Bis heute ist es ihm ein Rätsel, wie ich es geschafft habe, mit dem großen Durchmesser des Tankrüssels in den Tank zu treffen.

Frauen brauchen ihre Geheimnisse und wie schon gesagt, geht nicht, gibt es nicht und wenn man etwas wirklich will, klappt das auch, auch wenn es nicht unbedingt dafür gedacht ist.

Ihr Fräulein Lindemann

 

Vorurteile.

Vorurteile haben wir doch alle. Und niemand kann sich davon freimachen, oder will sich freimachen, da es doch auch manchmal Spass macht, damit herum zu spielen.

Mir sagt man nach, weil ich Deutsch bin, ich wäre pünktlich, ordentlich, zuverlässig und…leider auch humorlos. Ich bin nicht pünktlicher, oder ordentlicher als meine Dänischen Kollegen. Pünktlichkeit hat etwas mit Respekt und Höflichkeit zu tun. Versuche ich die meinem Gegenüber entgegenzubringen? Sicher. Bin ich dadurch deutscher als anderer? Nein.

Habe ich Humor? Ganz sicher, nur manchmal nicht sichtbar für jeden, und auf einem anderen Level.

Aber selbstverständlich mache ich auch meine Witze über Angewohnheiten verschiedener Nationen. So ist es klar, dass die Engländerin auch im Winter keine Strumpfhosen zu ihrem Rock anzieht und Sonnenschutz stark verpönt, und ihn niemals an ihre krebsrote, sommersprossige Haut lassen würde. Hier wäre das „ihre“ auch jederzeit mit „seine“ zu ersetzen.

Dem Dänen sagt man Gelassenheit nach, und was dem Deutschen seine Autobahn und sein Porsche sind, sind dem Dänen sein Design und seine Architektur. Dänen haben ein großes Selbstverständnis, allerdings auch gegenüber der Toleranz ihrer sich Ihnen umgebenen Menschen, wenn sie nach dem Essen schnell mal einen Zahnstocher zur Hilfe nehmen, und sich ungeniert am Tische ihre Heringe und ihre Köttbolla heraus primeln. Aber gut, dass kann der Engländer auch, denn Fisch und Chips können sich auch festsetzen. Der nimmt aber eigentlich viel lieber den Fingernagel zur Hilfe.

Der Franzose ist modisch, kommen doch die meisten großen Mode-Brands aus Frankreich. Der Franzose hat jedoch auch ein kleines Problem mit dem Essen und den Getränken. Das eine zu wenig, denn alle Französinnen sehen aus wie kleine Hungerhaken, und vom anderen zu viel. Das hält doch keine Leber aus, schon zum Mittagessen 1-3 Gläschen Wein zu verdrücken. Der Franzose hat auch dieses „laissez faire“, diese Leichtigkeit, Dinge nicht zu wichtig zu nehmen. Da ist schon mal ein Knopf ab, oder ein Saum hängt raus. Egal- wer so viel Eleganz besitzt, den stört das nicht.

Der Italiener und der Spanier kommen grundsätzlich zu spät, antworten im Berufsleben auf keine Email pünktlich, oder nur selten und diskutieren alles lautstark aus. Sie schlafen bis mittags, fallen danach in die Mittagspause und essen erst gegen Mitternacht.

Der Pole klaut. Immer und ständig, so wie der Russe sich tagein tagaus betrinkt, und die russische Frau nur auf der Suche nach einem Finanzier ist, der Goldkettchen, Rolex und Pelzmantel bezahlt, denn Pelzmäntel hat die russische Frau gern, und einer alleine ist auch einsam. Außerdem sind Pelzmäntel Herdentiere.

Wie sieht es eigentlich mit dem Amerikaner so aus? Blond und schlimme Friese, leicht gerötete Haut und größenwahnsinnig?

Um fair zu bleiben- nein.

Amerikaner lieben am casual Friday ihre Polohemden, auch zu Anzughosen, die es nur in den USA in der großen Auswahl an grün, braun und beige Nuancen gibt. Ja, ohne die geht es nicht. Genauso wie mit überlangen Anzughosen und Jacketts, die weit über die Schultern hinaus ragen und an deren Ärmeln nur 1/3 der Hand herausschauen kann. Kragenweiten gibt es in den USA nicht, das ist „ one size“. Dem einen passt es halt besser als dem anderen.

Sind Amerikaner fett? Viele. Oder übersportlich, mit einem Fett-und Lactosefreien Decaf –Latte und einem Wasser, linksgedreht und von den Fidschi Inseln kommend, wenig umweltbewusst leider, eingeflogen. Warum auch umweltbewusst? Die Klimaerwärmung ist ja doch nur eine Erfindung der Chinesen.

Zurück zum Deutschen. Der mäht seinen Rasen am Samstagvormittag, am liebsten natürlich im Feinrippunterhemd und er hält sich ganz genau an die Mittagszeit. Der Deutsche trennt seinen Müll, egal was kommt. Und wenn er 10 Minuten braucht, den Joghurtbecher, der anschließend im gelben Sack landet und sich danach im gleichen Müll wie alles anderer auch wiederfindet, ordentlich auswäscht.

Wir Deutschen haben 1,3 Kinder und essen morgens, mittags und abends Schweinebraten und Sauerkraut. Manchmal auch Currywurst oder Schweinshaxe.

Die Hauptstadt von Deutschland ist München und Deutschland selbst befindet sich fast ausschließlich in Bayern. Irgendwie gibt es auch noch Frankfurt und Nürnberg. Wie das geografisch passt, kann aber auch keiner richtig erklären.

Am Wochenende muss ich mein Büro aufräumen, ausmisten wohl eher, da es echt chaotisch dort aussieht und sich das eine oder andere angesammelt hat. Die Sache mit der Ordnung kommt immer nur schubweise.

Vermutlich muss ich den Mann wieder davon abhalten, den Kärcher am Sonntagmittag rauszuholen und stundenlang die Terrasse zu bearbeiten, weil er ja sonst keine Zeit hat. Mittagszeit hin oder her.

Abends werden wir Grillen, mit Bratwurst und Kartoffelsalat.

Ihr Fräulein Lindemann