Urlaubszeit.

Vorfreude ist ja bekanntlich die schoenste Freunde. Irgendwann im März oder April haben der Mann und ich uns mit unserem ( kein Kind, Kegel, Haustier etc) Sommerurlaub beschäftigt und suchten das Reisebüro unseres Vertrauens auf, das uns in den letzten beiden Sommern schon zauberhafte Ecken mit tollen Hotels herausgesucht hatte.
Wir waren uns einig.
Kein Club, warm sollte es sein, Italien, tolles Essen und kinderfrei.
An irgendeiner Stelle des Gespräche waren wir so von diesem angepriesenen, neuen TUI Hotel in Kalabrien verzückt, von dieser bezahlbaren Juniorsuite und dem Blick auf das Türkisfarbene Meer, dass das Wort ‚ Club‘ aus unserem Hörvermögen eliminiert war.
Irgendwie wurde das durch ein Piepen, ein Rauschen oder ein Nichts ersetzt, so dass wir uns 2 Wochen vor Urlaubsantritt etwas irritiert unsere Buchungsunterlagen und die dazu gehörende Website ansahen.
Ebenso hatten wir den Fertigstellungszeitpunkt ( 3 Wochen vor unserem Reisebeginn) und die Arbeitsmoral und das Organisationstalent der Italiener wohlmöglich ein wenig unterschätzt.
Egal.
Wir packten.
Besser gesagt, ich packte, und zwar alles, was weitestgehend nach Sonne und Sommer aussah in 2 riesige Koffer.
Der Mann staunte und gab gute Ratschläge.
Ich staunte auch, denn ich hatte mir ja vorgenommen, nur das nötigste einzupacken. Aber wie es schien, war ja einiges nötig. Die Ratschläge des Mannes waren weniger nötig und nur mäßig willkommen, und die erste vorurlaubliche Diskussion begann.
Irgendwann sassen wir im Flieger, eingepfercht wie die Karnickel, in einem proppenvollen Urlaubsjet mit reisefiebrigen anderen Deutschen Urlaubern, die uns die Bandbreite des schlechten Kleidungsgeschmacks ( 5/8 Hosen mit Tunnelzug bei Männern, Treckingsandalen und wirren Farben)der ungepflegten Füsse, der weissen Beine und der Ellebogenmentalität aufzeigten.
Ja, ich bin wirklich sicher, jeder, der gebucht hat, darf auch mit, allerdings befürchteten einige Mitfliegende, dass sich dieses Prinzip als unwahr herausstellen könnte, und so fuhren sie mit ihren Handgepäckkoffern über fremde Füsse, und sie boxten umstehende Menschen mit vollgepackten Rucksäcken zur Seite.
Höfliches ‚ Ladys first‘ war schon lange nicht existent, und ältere Damen benahmen sich schlechter als die dazu gehörigen Herren.
Überraschenderweise hat niemand bei der Landung geklatscht.
Nach 45 minütigem Warten am Kofferband fanden wir unsere Reiseleitung und wir machten uns alleine im großen, aber leeren Reisebus auf den 70-minütigen Weg zum … CLUB- Hotel! (für Erwachsene)
Eine Mittdreißigerin empfang uns an der Rezeption mit der Freundlichkeit eines Steins und der Ignoranz einer Dampfwalze. Wir sollten keine Freunde werden.
Der Mann spricht Italienisch- ich ganz offensichtlich nicht ( ich verstehe, übe fleißig und kann mir selbstständig und höflich mein Essen bestellen)
Emanuelle fand Englisch oder auch Deutsch zu sprechen doof, somit entschied sie, ich könne mir später auch alles vom Mann übersetzt anhören. Ihr kleines TUI Schildchen hingegen wies sie eigentlich als absolutes Sprachtalent aus. Sie wollte aber nicht.
Das Wort ‚willkommen‘ fiel definitiv in keiner Sprache, und weder das verkniffene Gesicht, ihre mürrische Stimme oder ihre buckelige Haltung, hatten irgendetwas versöhnliches.

Emmanuelle raste irgendwann los, und der Mann und ich, überrascht vom Tempo, eilten mit mittlerem Abstand hinterher.
In dieser Reihenfolge kamen wir an unserer Juniorsuite an. Tür auf, uns die Zimmerkarte in die Hand gedrückt, irgendetwas gemurmelt und weg war Seniora Generalmanager- im Stechschritt.
Was für eine Laune hat eine solche Person denn erst nach mehreren Saisons, wenn sie nach so kurzer Zeit schon so angepisst wirkt, oder haben wir schon die gute Laune erlebt und mies geht anders?
Wie geht sie mit Mitarbeitern um, wenn sie die zahlende Gäste schon nicht leiden kann?
Warum hat sie sich bloß einen Job mit Menschenkontakt und notwendiger Gastfreundschaft ausgesucht? Wäre nicht ein dunkles Archiv ein viel besserer Ort für sie?
Abgeschieden, ohne menschliche Kontakte… und im dunklen Keller.
Die Hotel-Anlage war recht weitläufig, der Blick auf das Meer war fantastisch und der Garten wirklich sehr schön angelegt.
Es gab noch viele kleine bis mittlere ‚Baustellen‘, jedoch nichts vergleichbares zu dem menschlichen Problemgebiet der Frau E. Der Mann und ich sind flexibel, wollen wir nach 4 Tagen auch einmal warmes Essen, gewürzt und Italienisch, gehen wir in die nahegelegene Stadt und essen dort zu Abend.
Wir passen uns an.
Gleich geht es übrigens zur Aquafitness (nicht für mich).

Vielleicht ist ein Urlaub auch ein Überraschungspaket, und es ist wie mit dem Kleingedruckten.
Man überliest es einfach gern, und meistens geht es ja auch gut. Nur manchmal halt auch nicht.
Ich kann nur sagen, wir kommen nicht wieder.

Ihr Fräulein Lindemann

Nachtrag: Wir kommen definitiv nicht wieder!!

 

Motten.

„Motte“ bezeichnet in der Biologie:
im engeren biologischen Sinn verschiedene Kleinschmetterlingsfamilien. Dazu zählen:
Echte Motten, wie die Kleidermotte, und einige Zünslerarten, wie die Mehlmotte.
Schmetterlinge also…, somit kann ich mit wenig Stolz berichten: wir haben Schmetterlinge im Haus.
Alles fing vor einiger Zeit an, als der Mann und feststellten, dass sich immer mal wieder eine Motte in unsere Küche verirrte.
Ja, wir lassen das Licht oft an und öffnen dazu die Terrassentür. Auch gerne länger.
Für uns war das halt ein Minifalter, der sich vom Licht angezogen, zu uns verirrte. Die kleinen Falter wurden jedoch regelmäßiger gesichtet, und wir bewaffneten uns mit Geschirrtüchern und Pantoffeln. Irgendwann kroch ein kleiner Falter aus der Schublade heraus. Da war es geschehen vom Freund zum Feind erklärt.
Ich war zutiefst angewidert. Sollten wir etwa Motten in unserer Küche beherbergen?
Wir sollten.
Ich transformierte zu Miss Marple (jünger, schlanker und in Farbe) und begann mich auf die Suche nach ihrem Zuhause zu machen. Der Mann war mit guten Ratschlägen dabei: da musst du ganz sorgfältig schauen, die können sich überall verkriechen. Hast du auch schon alles genauestens untersucht?

Nur so viel, gut gemeinte Kommentare kommen nicht immer gut gemeint an…

Haben Sie eine Idee davon, wieviel Arbeit es macht, wirklich jeden einzelnen Schrank in einer normalgroßen Küche Millimeter genau zu untersuchen, alles heraus zu nehmen, abzuwaschen und zu inspizieren?
Ich wurde belohnt und fand Babyfalter- eigentlich Raupen oder besser: Maden!
Mit großen blauen Müllsäcken bewaffnet, ging ich ans Werk und sortierte Lebensmittel aus. Wenn man denkt, dass eine dieser Säuberungsaktionen schon ausreicht, da hat man falsch gedacht. Mit Taschenlampe und Sidolin Gleisreiniger ging ich wochenlang in die kleinsten Ritzen und Ecken schauen, sprühen und putzen.

Da wir unser offenes Haus im Dunkeln nicht nur im Wohnzimmer pflegen, sondern auch im Rest des Hauses recht leichtsinnig mit der dunklen Nacht, dem Licht und den offenen Fenster umgehen, schwirrte es dann und wann auch in unserem Wäscheraum, der eigentlich ein großer Kleiderschrank ist.
Ich musste feststellen, dass „Schmetterlinge“ einen ausgesprochen exquisiten Geschmack haben, was die Auswahl ihres Frühstücks, Mittag- oder Abendessens, oder ihres kleinen Zwischensnacks betrifft.
Einen superteuren Kaschmirpullover aus dem Schrank ziehend, flatterte etwas kleines schwarzes, hektisches Etwas mit heraus, und bei genauerer Betrachtung hatte mein Lieblingsstück plötzlich Lüftungslöcher, die ich nicht genehmigt hatte, und die dem Pullover auch nicht standen. Ich bekam einen Wutanfall, und die Schrankinspektion ging von vorne los. Kaschmir, Angora, reine Baumwolle und Seide sind stark beliebt. Kleinste Teile von Polyester oder Acryl stehen auf deren No-go-Liste und sind verpönt.
Löcher in Lieblingsklamotten sind ja so gemein, und ich beschloss einen Gegenschlag zu starten, aber wie nur?
Google ist nicht hilfreich und macht wenig Hoffnung. Man kann sich ein anderes Insekt bzw. einen Minischädlich erkaufen, der sich von kleinen Motten ernährt und somit den Schrank sauber hält. Aber will man das eine Unheil mit einem nächsten ausrotten?
Unsere Schränke sind nun mit Lavendelkissen, Nexalotte in Kugeln, Streifen, Aufstellern und Flüssigkeitsbehältern ausstaffiert.
Es riecht jetzt nach „Oma“ in und aus unseren Schränken.
Aber wir sind jetzt Mottenfrei.

Fast, denn wenn ich mich recht zurückerinnere, kommen mir plötzlich viele Bilder in den Sinn. Eines ist, wie meine Lieblingstante vor mir kniet, wie sie ihre Arme weit ausbreitet und nach mir, Motte, ruft.
Und das Bild, wie ich mich überglücklich in ihre Arme werfe und frage, sind Motten nicht graue hässliche Falter?
Sie antwortete, nein, das sind kleine großartige Mädchen.

Wie unterschiedlich doch Betrachtungsweisen sein können….

Ihr Fräulein Lindemann

 

Klassentreffen.

Vor einigen Wochen trudelte eine „What´s app-Gruppeneinladung“ ein. 40-Jähriges Schuljubiläum und eingeladen waren alle ehemaligen Schüler. Ein ehemaliger Mitschüler startete diese kleine Gruppe.
Nach 2 Tagen waren wir mehr als 20 Leute in dieser Gruppe, und alle fingen an, Fotos von sich und ihren Kindern zu teilen, ebenfalls wurden Ehemänner und Haustiere (Pferde, Hunde und auch ein Huhn) gezeigt. Jeder stellte sich vor und gab einen Einblick seiner letzten 2 Jahrzehnte.
Interessant, was so eine Reunion so auslöst, viele alte Erinnerungen und Gefühle kamen hoch.
Plötzlich war ich wieder 13.
Welche Rolle hatte ich damals: war ich beliebt? Integriert? Mauerblümchen? Außenseiter? Wer von denen war mir nah? Und welche Gründe gab es, dass ich außer zu einer Person, zu niemand mehr Kontakt hatte?
Einige Fotos versöhnten mich, und ich dachte, okay, jeder hat halt seine Glanzzeiten in unterschiedlichen Jahrzehenten, und Falten machen offensichtlich vor niemandem halt, …Speckröllchen übrigens auch nicht, ebenso wenig wie Haarverlust.

Zu sehen, was aus uns allen geworden ist, war spannend.
Der Mann fragte nur: leben noch alle? So alt bin ich nun auch nicht, dachte ich mir, und schaute ihn entrüstet an. Natürlich leben noch alle. Von den Lehrern vermutlich nicht alle, aber selbst von denen, die ich früher für Methusalem hielt, sind immer noch einige im aktiven Schuldienst. Wie alt waren die damals denn dann wirklich?
Ich überlegte zusammen mit meiner damals engsten Freundin, ob wir gehen sollten, oder besser doch nicht. Wir entschieden zu gehen.
Seltsame Gefühle kamen hoch, sollte ich mir das echt antun? Hatte ich meine Schulzeit so positiv in Erinnerung?
Nein, hatte ich nicht, und damals war ich für die meisten Menschen in meinem Jahrgang quasi unsichtbar. Ich war mit höheren Jahrgängen befreundet und hatte zu viel mit mir selbst zu tun. Ich hörte andere Musik, ging in andere Discos (heute heißt es Club) und fuhr Vespa anstatt Moped. Ich mochte kein Bier, und ich trug keine Camel-Boots. Hatte ich schon gesagt, dass ich in einer Kleinstadt zur Schule ging, mit ländlichen Tendenzen?
Zurück zu den Fotos.
Eine schickte ein Foto neben ihrem Pony. Dazu schrieb sie, wer von beiden sie sei. Ich kommentiere die Nützlichkeit dieses Hinweises nicht.
Es gab auch eine Nonne und einen Punk.
Und dann gab es da noch Tina, sie schickte ein Foto mit ihrer Nichte.
Der Mann schaute auf, weil ich lachen musste, lehnte sich rüber zu mir um einen Blick zu erhaschen und fragte, wer denn der Mann da sei?
Wie er darauf kam?
Tina hat einen Schnorres. Einen sichtbaren, nicht zu verleugnenden Schnäuz.
Wir vergrößerten das Bild und schauten beide total fasziniert auf Tinas Oberlippenbärtchen.
Wie kam es denn dazu? Und wie uneitel muss man sein, um den voller Stolz zu präsentieren?
Der Rest von Tina sah ganz nett aus. Modisch, schlank- kein Herrenhaarschnitt.
Der Mann und ich überlegten welchen sinnvollen Grund es für diese Haargruppierung im Frauengesicht oberhalb der Lippen gäbe. Wie sieht so ein Schnäuz wohl mit Lippenstiftlippen aus? Wir kamen zu keinem Ergebnis.
Der Tag der Feier kam. Eine riesen Halle war angemietet um die erwarteten 1.300 Ehemaligen unterzubringen.
Unsere Gruppe traf sich an einem ausgemachten Platz vor dem Eingang. Mit Nonne und Punk hatten wir keine Probleme uns zu finden.
Es war eine echte Zeitreise.
Ich habe alle erkannt, jedoch konnten alle das nicht über mich sagen. Immer wieder sah ich, wie mir jemand auf die rechte Brust starrte, denn dort klebet mein Namensschild.
Die Nonne hatte die ersten 2 Gläschen Sekt getrunken, bevor ich mein Begrüßungsgläschen überhaupt abgeholt hatte.
Sie kannte alle Lieder und sang jedes davon mit. Sie tanzte den Makarena-Song und kannte jeden Tanzschritt. Sie ist eine coole Nonne.
Der Punk stimmte zu Udo Jürgens ein und war extrem textsicher. Entschuldigend blickte er mich an und sagte, er würde neben seiner Punkband auch in einer Coverband singen.

Tinas Schnorres war echt und leider keine Fotomontage um nur mal kurz alle zu schocken. Ich vergaß zu fragen, was sie davon abhält, ihn zu entfernen, oder was ihr daran so gefällt. (bin ich in ihren Augen hässlich, weil ich keinen habe?)

Ich bin um 3 Uhr morgens, todmüde und mit durchgetanzten Schuhen (kein Witz), ins Hotelbett gefallen.
Dort wartete der Mann, noch wach, und bereit, mich überall abzuholen und zu trösten, falls es in einer Katastrophe enden würde.

Es war keine, denn ich bin erwachsen geworden, und die anderen sind es auch.

Wir wollen uns jetzt regelmäßig treffen…mal schauen.

Ihr Fräulein Lindemann

 

Das Wetter.

Vor ungefähr zwei Wochen musste ich morgens ganz früh los zum Flughafen. Es war natürlich schon hell, die ersten Sonnenstrahlen blitzten durch die Bäume, die Luft war noch etwas abgekühlt vom Gewitter der letzten Nacht, und es war noch ganz leicht feucht.
Kennen Sie diese kühle, frische Luft, die einen unglaublich schönen Sommertag verspricht?
Es roch, wie es das schon vor über 30 Jahren tat.
Ich hatte einen Kindheitsgeruch zurück, einen aus einem Sommer, in dem noch alles unbeschwert, leicht und friedlich war. Ein Sommer, in dem Sandalen und Röckchen getragen wurden. Ein Sommer in dem geschwitzt wurde, in dem man Ferien hatte, die nicht enden wollten, in denen gezeltet wurde, die Omi besucht und zuhause mit Freundinnen ins Freibad gegangen wurde. Jeden Tag mit dem Ferienpass, mit dem man auch andere tolle Sachen entdecken konnte, und inklusive eines Zoobesuchs.
Heute Morgen, und wir befinden uns im August, also im Hochsommer, nur so zur Erinnerung, schüttete es wie aus Eimern, und die Temperaturanzeige wollte die 14,5° einfach nicht überschreiten.
Ich habe ernsthaft über Strümpfe nachgedacht, lehne das aber aus Prinzip ab.
Herbst = Socken, Sommer= ohne Socken. Einfache Sache.
Mit meinen kalten Füßen machte ich mich also auf, den Tag zu beginnen.
Im Autoradio hörte ich, dass die Region in Italien, in der wir gerade eben noch Ferien gemacht haben, den Notstand ausgerufen hatte.
Dürre.
In Rom wird das Wasser rationiert. Springbrunnen und Fontänen sind aus- selbst in Vatikanstadt.
Bei uns laufen hingegen Keller voll, den Bauern saufen die Felder ab, und sie haben massive Ernteausfälle.
Und dann kommt einer, der sagt, dass die globale Klimaerwärmung eine Erfindung der Chinesen sei.
Wie doof muss man denn da sein?

Aber was tue ich dagegen?
Ich heize, wenn mir kalt ist auch im Sommer (ich würde sogar alte Reifen verbrennen bevor ich friere). Ich drücke bei meinem Diesel aufs Gas, bis es am Anschlag ist, nur um 5 Minuten früher anzukommen, und weil ich es liebe zu rasen.
Ich fahre Diesel.
Ich lasse ständig irgendwo Licht an, unsere Elektrogeräte stehen immer auf Stand-by und sind nicht aus. Mir ist schon mal eine Batterie in den Hausmüll gerutscht, und ich habe sie drin gelassen, vielleicht sogar schon zwei Mal ,…auch haben sich schon Plastikteile in die graue Tonne verirrt.
Ich hasse öffentliche Verkehrsmittel und fahre auch kurze Strecken mit dem Auto. Ich sprühe unseren Buchsbaum vor der Tür mit der größten frei erhältlichen Chemiekeule ein, um diese gefräßigen, dicken, hässlichen Raupen zu töten.
Ich drucke immer noch viel zu viel auf Papier aus, und ich drücke die Toilettenspülung auch für einen Q-Tipp.
Im Gemüseabteil packe ich immer noch alles in diese gefährlichen, dünnen Tütchen und vergesse auch meistens meinen Einkaufskorb. Ich habe nicht überprüft, ob unser Strom sauber ist und ich kaufe Milch auch in Tetra Packs anstatt in Glasflaschen (und nicht immer BIO).
Kurz: ich mache gar nichts, außer, Alles schlimmer.
Irgendwie bin auch etwas Trump.
Vielleicht sogar schlimmer, denn im Gegensatz zu ihm, ist mir die Klimasituation bewusst, mir sind die Zusammenhänge klar und die Ausmaße für die nächsten Generationen.
Bin ich ignorant oder nur ein Kind der 70er, das Resultat meiner Erziehung (sorry, Mutti)? Beides?
Ich bin kein Vorbild, das ist klar, aber eigentlich strebe ich das auch gar nicht an.
Da, schon wieder , ignorant und desinteressiert!

Ich gelobe Besserung:
Heute Abend, wenn ich zuhause bin, werde ich mit dem Mann eine Liste anfertigen mit einem 10 Schritte Plan für eine grünerer Zukunft.

Er wird sich fragen, wo die Frau ist, die heute Morgen das Haus verließ, aber dafür werden wir hoffentlich beitragen, dass unsere Urenkel noch ein Zuhause haben.

Ihr Fräulein Lindemann

 

Opfer.

Jawohl, ich bin ein Opfer.
Sogar ein leichtes. Ich gehe immer ins Netzt, wenn man nur richtig weiß, wie man es auslegt für mich.
Ich komme gerade aus der Stadt. Dort wollte ich unbedingt noch schnell einen Termin zum Augenbrauen wachsen machen. Und zum Färben.

Laden Nr. 1.: Ich wartete 25 Minuten, da die Dame, der ich meine Brauen anvertrauen möchte, kurz mal in der Pause ist, wie mir ein sprachfauler Security -Mann am Eingang des Kaufhauses, in der sich meine Brow-Bar der Wahl befand, mitteilte.
Endlich kam sie… und schickte mich fort. Laden Nr. 2: ähnliche Geschichte. Dann endlich, Laden Nr 3: eine zauberhafte kleine Barbieähnliches Persönchen lächelte mich freundlich an und sagte mit süßem Stimmchen: Du hast keinen Termin? Macht nichts, ich habe gerade voll Lust dir die Brauen zu machen. Gesagt- getan. Georgina legte los.
Brauchst du noch etwas fragte sie?
Eigentlich ja nicht nicht. Das war ein „eigentlich“ zu viel.
Sie fing an, mir hier einen Primer für die Wimpern aufzutragen, mit Vitamin D, damit meine Wimpern niemals ausfallen (ich wusste nicht, dass die Gefahr bestand?), dann kam die eigentliche Wimperntusche darüber, wasserfest. Und weil sich so eine wasserfeste Tusche nicht so leicht wieder entfernen lässt, noch einen Remover für später.
Die rote Haut um meine Brauen herum, durch den Wachsprozess etwas irritiert, , wurde mit Camouflage übermalt. Die Brauen wurden nachgetuscht, bepudert und es wurde ein Rahmen gemalt. Unter meinen Augen tupfte sie mit einem Tübchen in der Form eines Minibügeleisens, aus dem kaltes Gel gegen geschwollenen Augen herauskam, auf die linke Wange gab es rosa Rouge, rechts Terrakottafarben. Mit einem dicken weißen Malstift wurde auf meinem Augenlid getupft, um es optisch nach oben zu ziehen- quasi ein Lifting, wie mir Georgina versicherte.
Nichts davon brauchte ich wirklich, aber eine Stunde später ging ich mit meinem kleinen, aber prall gefüllten Tütchen, einige viele Euros weniger (und das, trotz Rabattkärtchen und Prozentoptionen) im Portemonnaie, mit meinem getunten Paar Augenbrauen und viel Farbe im Gesicht, aus dem Laden.

Ich konnte einfach schlecht „nein“ sagen. Und wenn ich ehrlich bin, habe ich den Brauentermin auch nur gemacht, um für den Friseurtermin, einen Tag später präpariert zu sein, denn beim letzten Mal kam auch hier kein klares „nein“ aus meinem Mund, als kurz danach die Friseurin meines Vertrauens mir in der Einwirkphase der Haarspülung, die Brauen im Farbton ihrer Wahl färbte.
Sie fand es so viel besser.
Ich fand es für meinen Geschmack viel zu dunkel. Viel.

Mir dreht man im Supermarkt auch gerne alles Mögliche an und ich bin dabei. Neue Limonaden, den neuen Heringssalat, Salami oder kleine Brothäppchen mit Marmelade, die super fruchtige, die mit wenig Zucker… ich nehme alles an und probiere. Sekunden später bemerke ich wie mir die freundliche Verkäuferin Marmeladengläschen mit 3 verschiedene Geschmachsrichtungen, ein Sixpack Orangen-Zitronenlimo, oder den ganz neuen Fruchtjoghurt mit wenig Fett in den Einkaufwagen packt und ich zustimmend nicke und mit meinem Einkaufswagen zur Kasse schiebe.
Nächste Woche bin ich in London und dort gibt es ein Geschäft am Flughafen, das fangt mit B an und hört mit ulgari auf.

Mal sehen ob mir da auch jemand etwas zeigt, aber vielleicht überwinde ich ja meine Opferolle und kann „nein“ sagen,… oder sie wird belohnt.
Wer weiß das schon so genau…

Ihr Fräulein Lindemann

 

Sommerbrise.

Wenn einer eine Reise tut… oder wenn mehrere eine Reise tun, wird es immer spannend. Unterschiedlichste Erwartungen und Interessen sind zu vereinigen.
Es sind Sommerferien, und wir haben beschlossen,mit den Kids und dem Auto Bella Italia zu bereisen. Ich kann mir beim besten Willen nicht erklären, wie die Familien früher mit Sack und Pack und Kind und Kegel, und in einem VW Käfer verreisen konnten, nicht nur aufgrund der Platzverhältnisse, auch fehlende Klimaanlage und Radio hätten zumindest uns an den Rand der Verzweiflung gebracht, und fehlende Ladekabel für Teenagermobiltelefone, hätten die Stimmung komplett gekippt. Ach ja, Mobiltelefone gab es da ja noch gar nicht…wie friedvoll … und was für ein schöner Gedanke.
Zurück zu den Erwartungen. Also für einen Teenager ist die Qualität des Urlaubs ganz klar im Grad der Bräune abzulesen. Der Mann und ich wollten lesen und Essen (und ich unbedingt schlafen) und das Kind wollte Badespass und Pizza in großen Mengen.
Der Koffer des Teenagers nahm die Hälfte des Kofferraums ein. Ich würde mit so einem Koffermonster durchaus Reisen von mehreren Wochen antreten können, vielleicht sogar einen kompletten Umzug bewältigen, aber so ein Teenager muss vorbereitet sein, und die Sache mit der Entscheidung ist auch nicht einfach. Das andere Kind, der Mann und ich kamen mit dem Rest des Platzes aus, und wir haben zum Glück einen der größten, erhältlichen Kombis als Familienauto. Wäre das dritte Kind auch mitgereist, hätten wir einen Bus oder einen LKW anmieten müssen.
Mit Kühltruhe als Barriere auf dem Rücksitz, um Teenager und Kind etwas zu trennen, ging es schließlich los, den Staus entgegen. Nach gefühlten 300 Stunden kamen wir am Starnberger See an, machten Zwischenstopp bei Freunden und fuhren am nächsten Tag den nächsten Staus gen Süden entgegen. Etwa 50 Fahrstunden später kamen wir im angemieteten Haus in der südlichen Toskana an. Der Vermieter, Dottore Zucchini (ehrlich!) zeigte uns alles, und wir gingen gemeinsam auf die Terrasse und genossen die Aussicht auf den See… wundervolle 3 Minuten etwa, bis das Kind mit weinerlicher Stimme beklagte, von mindestens 1000 Moskitos attackiert worden zu sein.
Wir verdrehten die Augen, denn seine Übertreibungen aus der Vergangenheit schon zur Genüge erfahren, hielt sich unser Mitleid in Grenzen. Armes Kind, denn er hatte tatsächlich recht. Es schien, als hätten sich alle Moskitos der Region verschworen und nur auf ihn gewartet. Wir zählten und hörten bei 25-30 auf. Am Hals, im Gesicht, auf den Armen …armes Kind, aber zumindest hatten wir unsere Ruhe. So einiger Maßen, denn dann waren auch wir dran.
Die Mückengitter vor allen Fenstern und Türen hätten uns eine Idee im Vorfeld geben können, ebenso der Reiseführer, der diese Gegend doch als Mückenhochburg umschreibt. Nun ja, manches muss man selber erfahren, bevor man es glaubt.
Am nächsten Morgen wachte ich, trotz der Ohrstöpsel in meinen Ohren (höchster Dezibelschutz- der Mann rodet ganze Landschaften ab, das Kind im Nachbarzimmer auch, und die Wände sind dünn) von Frauenstimmen vor unserem Fenster auf. Haben Italiener andere Stimmen, sprechen sie lauter, weil sie schlecht hören, hören sie schlecht, weil sie sich immer anschreien? Der Mann meinte nur, das wäre Lokalkolorit, und den hätten wir mit unseren 80 Cent pro Tag an Touristensteuer mit erworben. Nun gut.
Am nächsten Morgen fuhren wir in den Supermarkt und deckten uns mit Antimückenspiralen, Antimückenspray und Anti-bite-pens ein. Die Regalwand im Supermarkt voll mit Anti-Mücken-Equipment ließ auch darauf schließen, dass wir mit der Problematik nicht alleine waren.
Wissen Sie, was die am häufigsten von Teenagern gestellte Frage im Urlaub ist? Wie lautet das WLAN Passwort? Und haben Sie eine Idee, was mit einem ausgeglichenen Teenagermädchen abends um 22.00 Uhr passiert, wenn plötzlich die Kommunikation zu 20 anderen Teenagermädchen über What´s app, Snap Chat, Instagram & Co lahmgelegt wird, weil genau dieses WLAN im Haus plötzlich nicht mehr funktioniert? Auch Teenagermädchen ohne Italienischer Herkunft, können laut schreien und toben.
Unsere Anmerkungen, dass wir unser erstes Mobiltelefon erst mit 24 und 28 Jahren hatten, half der Situation nicht weiter, wir wurden entgeistert angesehen, fast mitleidig, aber dann lag doch auch Bewunderung in der Luft. Wie nur konnten wir unsere Jugend überstehen? Wir wurden gefragt, ob wir Briefe geschrieben haben? Frechheit!

Hier sage ich nur: es lebe der Hotspot…. und mein Handyvertrag!

Und der Alkohol.

Ihr Fräulein Lindemann

 

Kuppler.

„Die Liebe ist ein seltsames Spiel,
sie kommt und geht von einem zum andern.
Sie nimmt uns alles, doch sie gibt auch so viel.
Die Liebe ist ein seltsames Spiel…!“

Das sang Connie Francis schon 1964.

Eigentlich hat ja alles im Leben immer mit Timing zu tun, mit dem Richtigen, oder halt auch mit dem Falschen.
Man begegnet sich und nimmt keine Notiz von einander, manchmal auch nur der eine Teil von beiden. Und ganz wichtig, Notiz zu nehmen, muss nicht immer positiv belegt sein. Wie zum Beispiel bei der ersten Begegnung zwischen dem Mann und mir.
Er fiel mir nicht auf, und er fand mich arrogant.

Nun, zumindest hatte ER eine Meinung.

Irritierender Weise stellten wir Jahre später fest, dass er mich genau bei dieser ersten Begegnung fotografierte.
Nun stelle ich mir manchmal die Frage: warum? Musste er so viel Arroganz bildlich festhalten, oder war da doch etwas, von dem er vehement bestreitet, dass es dagewesen sei.

Aber wann ist so ein richtiger Augenblick, bei dem es bei beiden `klick` macht, wann ist der magische Moment des richtigen Timings, der richtigen Umstände, des richtigen Geruchs, und der Moment, sich trotz aller vielleicht erschwerten Umstände, doch darauf einlassen wollende Moment. Der mutige Moment, und der, einen Schritt zu wagen, ohne zu wissen, ob man nicht stolpert.

Für mich kann ich ihn ganz genau zeitlich definieren. Ich weiß genau, wann es mich umgehauen hat, und ich erinnere noch an die Überraschung, als ich mir plötzlich eingestehen musste, was für einen großartigen Mann ich da vor mir habe.

Das Gefühl der Sehnsucht, der Angst und der Verunsicherung, als mir klar war, da ist so viel mehr, kann ich noch genau abrufen. Ich weiß sogar, wie es sich aufbaute, kann zurückblickend seine Entwicklung erkennen und bekomme ein Kribbeln im Bauch, wenn ich an diese magische Zeit zurückdenke.

Der Mann und ich können aber teilen.

Und das hatten wir auch vor. Genauer gesagt, hatten wir vor, uns als Kuppler zu versuchen. Nicht wirklich mit der Ahnung, erfolgreich zu sein, aber mit der Neugierde heraus zu finden: was wäre wenn, und wann passiert was?
Gesagt getan.
Zu einer anstehenden Gartenparty wurden zwei Gäste, jeweils einem von uns sehr nahestehende, einen Tag früher eingeladen.
Wie es der Zufall so wollte, konnten beide mit dem selben Flugzeug anreisen. (manchmal muss man den Zufall auch etwas unterstützen…)( …und wo wir gerade beim Zufall sind, kommen beide auch aus derselben Gegend, wie ich jetzt sogar genauer weiß, nur 55 Minuten voneinander entfernt.)
Die gemeinsame Ankunft ließ erst einmal niemanden in Verzückung geraten. Weder die beiden, noch uns. Der Mann und ich beschlossen jedoch unserem Plan unbeeindruckt weiter zu verfolgen. Lockerheit musste her, und die bekommt man am besten bei kleinen alkoholischen Willkommensgetränken.
Wir füllten also unsere Gäste mit einem feinen Gläschen – Achtung: neues Wort! – „Schampanzky“ ab.
Ohne Grundlagen schien das kein perfekter Plan zu sein, denn wer wollte den Abend schon gerne um 19.00 fix und fertig auf dem Sofa beenden, also los, zum Italiener unseres Vertrauens: Basis schaffen und Rosé trinken- als Entspannungs- und Lockerungsprogramm quasi.
Auf den Italiener war Verlass und einige Flaschen später, gekoppelt mit einer positiven und gelassenen Grundstimmung, und vielleicht einem klitzekleinen Schwips, gingen wir fröhlich nach Hause.
Dann, und hier gehe ich auf keine Einzelheiten ein, spürten der Mann und ich, neben einer gewissen Müdigkeit, eine ganz neue, knisternde Stimmung bei unseren Gästen…
Höflich (und müde) wie wir waren, gingen wir zu Bett und ließen den Dingen ihren Lauf.

Was immer sich aus einer Verkupplung ergibt, und hier sei gesagt, nichts geschieht, nur weil zwei andere (der Mann und ich) denken, es wäre doch alles ganz schön… Die bekannten zwei Fliegen mit der einen Klappe….

Nein, alles geschieht, weil zwei Menschen sich plötzlich einlassen und offen sind,
und, um es in Erich Frieds Worten zu sagen:
„…Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe…“

Ihr Fräulein Lindemann

 

Sprache.

Ich bin raus. Es hat sich eine Parallelsprache entwickelt, ganz heimlich, aber kontinuierlich gibt es eine zweite „deutsche“ Sprache, die sich mal mehr oder mal weniger in manchen Kreisen und Altersregionen etabliert hat. Und ich bin raus- meistens.
Früher waren es „cool“ und „geil“, Füllworte wie „ne“ und „ähm“ und Anreden wie „ ey Alter“. Meine Mutter fand es furchtbar und hat starken Wert darauf gelegt, dass diese Worte Zuhause nicht genutzt wurden, und sie hielt mir einen Vortrag, was das Wort „geil“ eigentlich bedeutet, und dass ich diese Vernetzung wohl nicht beabsichtigen würde.
Aber es waren Modeworte und wie jeder Teenager nutzte ich sie, um, na klar : cool zu sein.
Das Lied der „ Beginners“ hat mir vor einigen Monaten Kopfschmerzen bereitet.
O-Ton: Was los? Digga, ahnma‘ (ahnma‘) Wie wir gucken, wie wir labern (wir labern)…
Wo ist die Grammatik hin? Wo ist das Prädikat? Ein korrekter Satz benötigt Prädikat und Subjekt… Halten wir uns aber nicht mit solchen Nebensächlichkeiten auf. Viel interessanter: Wer oder was ist denn ein „Ahnma“? Der Mann, der dieses Lied rauf und runter spielte, wusste es auch nicht.
Wir haben recherchiert und die korrekte Übersetzung für diesen Satz wäre: Was ist los, Dicker, erahne es mal? (hast du es verstanden?)
Hm…was soll ich da weiter zu sagen, außer, nennt mich einer „Dicker“, kann er hoffentlich auch erahnen, was dann passiert…
Die Telekom wirbt ebenfalls mit einem Beginner Lied und da heißt es (dachte ich): …ich hab´ meine Pussy bei mir…
Aus meiner Sicht sollte das kein Mann singen, erst recht nicht, wenn er nicht sich selbst, sondern seine Freundin meint.
Irgendwie war ich schon überrascht, dass die Telekom diese abwertende Form der Bezeichnung einer Frau unterstützt. Ich hätte Gegenwehr von Frauenorganisationen erwartet. Hier könnten wir wieder über Emanzipation oder allgemein über Feminismus diskutieren, oder die Rolle der Frau im Allgemeinen. Machen wir aber an dieser Stelle nicht.
Ich war jedenfalls etwas irritiert, musste aber nach kurzer Recherche feststellen, dass sich auch hier ein Wort eingeschlichen hat, das mir bis dahin völlig unbekannt war. „Pussy“ hieß nämlich „Posse“ und heißt so viel wie: Clique. Nicht, dass ich so vieles falsch verstehe, ich kenne es nur einfach nicht, auch wenn ich weiß wie es geschrieben wird.
Vorgestern im Bad hörte ich Radio und musste echt lachen. Mittlerweile macht ja jeder seine Texte, so wie er will ,und nutzt Grammatik und Worte, die so, sagen wir mal vorsichtig, nicht unbedingt üblich sind und allgemeinen Sprachregeln entsprechen.
Im Radio sang es: Ich gehe raus mit meinen Jungs heute, Baby, und sie frägt und sie frägt: kommst du heute noch zu mir…?
Das werde ich nicht kommentieren, ich werde nicht über dominante und schwache Verben referieren, oder darüber, dass das Wort „frägt“ körperliche Beschwerden bei mir auslöst- auch wenn es in manchen ländlichen Regionen umgangssprachlich genutzt wird…Alles keine echte Begründung!
Nachher werde ich noch mit meiner Mutters telefonieren und ihr von einer Neuigkeit berichten. Sie ist in der Jetztzeit angekommen, denn sie wird es mit Sicherheit mit „Hammer…! kommentieren.

Ihr Fräulein Lindemann.

 

Ähnlichkeiten

Warum tendieren wir oftmals dazu, uns anzupassen? Zu verblassen, und die eigene Identität wie Sand durch die Hände rieseln zu lassen?
Da gibt es zwei eigenständige Menschen und anstatt sich zu bereichern, sich gegenseitig zu inspirieren, fangen sie an, Eigenheiten voneinander zu übernehmen. Nicht nur Eigenheiten, plötzlich ist Mausis Lieblingsgericht auch Bärchens, und weil er Pop und softe Musik blöd findet, fängt sie an, sich für seine zu interessieren. Da werden auf einmal Regenjacken im Zweierpack gekauft, und Pärchen am Kofferband erkennt man an den identischen Koffermodellen.
Wir lieben es, Gemeinsamkeiten zu finden. Erst das lässt uns vermeintlich komplett sein.
Gibt es da nicht auch diese großartigen Glückskeksslogan wie „Liebe ist…die tiefe Erkenntnis, dass ein anderer dich irgendwie vervollständigt“.
Was ist denn da mit uns los? Wer sind wir noch? Und vor allem: was sind wir… alleine…?
Das machen wir auch mit unseren Haustieren. Wir suchen Ähnlichkeiten, haben sie schon, oder hoffen wir bekommen sie.
Eine bestimmte Sorte Mensch findet es großartig, Vogelspinnen und Reptilien im Glaskasten im heimischen Wohnzimmer zu halten, andere haben eine kleine Hausratte oder ein Frettchen, und manche einfach nur einen Hund.
Hier gibt es noch mal weitere Untergruppen, das heißt, Hundebesitzer zu sein, bedeutet noch keine Gemeinsamkeit mit anderen Hundebesitzern zu haben. Nein, denn der Schäferhund- Besitzer gehört einer ganz anderen Gruppierung an, als der „Chiwawa- unterm- Arm-Träger“. Auch hier gleichen sich Vier-und Zweibeiner auf eine sehr interessante Art und Weise irgendwann an. Und, noch viel interessanter, auch sie vervollständigen sich und werden quasi eins…
Da gibt es die coolen Modehunde wie den Weimaraner und den Wizler, am Ende der Leine ganz sicher kein Jägersmann, sondern der Großstadt-Juppie ohne Kegel. Der frisierte Zwergpudel oder Yorkshire-Terrier mit Schleifchen im Fell, ähnelt ganz sicher „Mami oder Papi“.
Der Bullterrier- oder Kampfhundbesitzer geht garantiert in die Muckibude und weiß nicht so recht wo hin mit seiner Kraft.
Der Mops kann kaum atmen, und ich bin sicher, er gibt einigen Frauen ein beruhigendes Gefühl durch sein sonores Schnarchen. (Mich beruhigt das sonore Schnarchen des Mannes übrigens nicht.) Ich will nicht gemein sein, aber kennen Sie einen Heteromann mit Mops?
Ich hatte einen Golden Retriever, und zurückblickend denke ich, meine Haare waren zu der Zeit auch ein wenig blonder als jetzt, und wenn sie mal wieder Geruchsprobleme hatte, da sie sich wirklich in jedem Dreckloch wälzen musste (Stopp! Hier gibt es keine Gemeinsamkeit!), gab es halt mein Shampoo, und wir rochen einen wirklich nur klitzekleinen Moment: ähnlich. (Andere Hunde werden mit Febreze eingesprüht, welche Gemeinsamkeit das sein könnte, weiß ich beim besten Willen nicht. Fairerweise muss man sagen, dass sich der Foxterrier, um den es sich hier handelte, auch in Gülle gewälzt hat und nach dem 25sten Mal des Einshampoonierens die entnervte Besatzerin keine wirklich große andere Wahl hatte , der Geruchsbelästigung Herr zu werden.)
Der Mann verbindet manche Autos mit einer bestimmten Personengruppe. Ich würde hier nicht von Angleichung sprechen, eher von gutem Marketing und Assoziationen.
Aber gut? Wer fährt Golf Plus und A und B-Klasse? Wer den AMG mit dicken „Puschen“ oder hat einen 2. Auspuff, der nur fake ist?
Was sagt mein Auto über mich, und hat wirklich jeder Einfluss auf sein Fahrzeug. Firmenwagen, Budget, geerbte Autos…
Manchmal jedoch verrät es, wie zum Beispiel bei meiner Mutter, einiges über seinen Besitzer, hier z.B. dass sie ein sportlicher, lebenslustiger Mensch ist, der sich gerne frischen Wind um die Nase wehen lässt.
So, nun raten Sie doch mal, was für ein Auto sie fährt…

Ihr Fräulein Lindemann

 

Cool Kids.

Wann war man cool als Teenager, und was war cool?
Lila gebatikte Babywindeln um den Hals zu tragen, Haarspangen mit Riesenschleifen aus Samt im Haar zu haben, und Reißverschlussohrringe im Ohr, sowie tausende von Lederbändern ums Handgelenk, die dadurch, dass man sie beim Duschen, Schwimmen und Baden nicht abnehmen konnte, irgendwann eine ganz eigene Patina und ihren ganz speziellen Eigengeruch entwickelt haben. So in etwas muss es auch Wolfgang Petrys Freundschaftsbändern ergangen sein.
Leider gehörte ich nicht zu den „cool Kids“, und hatte eher ein gespaltenes Verhältnis zu Mode, auch der Einschränkungen, was meine Mutter zu unterstützen bereit war.
Mein Style änderte sich mit 15-16, sicher auch durch in Nebenjob erworbenes Taschengeld, das die Kleidungswahl etwas flexibler gestalten ließ.
Enge Jeans, hochgekrempelt, coole Jeansmarken, Taschen auf dem Hintern eine Selbstverständlichkeit und knöchelhohe Adidas Trophy an den Füßen- das war meine perfekte Vorstellung. Die Realität sah allerdings die getragenen 501 meines Cousins in Überlänge vor, oder auch Bundfaltenjeans ohne Taschen! Und ohne erkennbaren Brandnamen, viel zu dunkelblau und mit den falschen Nähten.
Ich überlebte diese Zeit mit einigen kleinen Blessuren und der Tatsache, niemals eines der begehrenswerteren Mädchen der Klasse gewesen zu sein, und dem Makel beim Tanzkurs mit dem „Ersatzjungen“ tanzen zu müssen, der extra gebeten wurde beim Abschlussball mitzumachen, da die Anzahl der vorhandenen Jungs geringer war , als die der Mädchen. Und ich keinen aus der bestehenden Runde mehr abbekam.
Vielleicht lag das auch in der Zeit an der Tatsache, dass ich meine Liebe zur Brille entdeckte und mich super damit fand (niemand anders fand das auch), und ich mein übergroßes Horngestell mit großem Selbstbewusstsein und absolutem Selbstverständnis trug. Immer.
Mit 15 entwickelte ich zum ersten Mal eine Art eigenen Stil. Der Tatsache geschuldet, dass kuschelige Marc´O Polo Sweatshirts, Replay und Diesel Jeans, Oilily Pullover und Schals nicht dem Budget meiner Eltern entsprachen, entwickelte ich meine Vorliebe für Second-Hand Klamotten. Erhältlich zum Kilopreis!
Lange Opa-Hemden, Herrenschals und Parka, gemischt mit der angesparten In-Jeans, ließen mich plötzlich cooler wirken als ich war. Die Zeit der Brille war vorbei und wurde nur mehr im Bedarf und im Notfall aufgesetzt.
Die Haare wurden länger und ich machte einen Rollerführerschein.
Mit 16 kaufte ich eine Vespa 50N spezial- mein Weg in die Freiheit und in die Rollercliquen.
Plural? Ja, denn ich war quasi ein Hybrid-Roller-Mädchen. Ich gehörte den Mods SOWIE den Poppern an. Das hatte viele Vorteile. Irgendwer brachte mich immer nach Hause oder hatte Zeit, wenn mein Opa es nicht hatte, meinen Roller zu reparieren.
Ich fing an Klamotten mit Freundinnen zu tauschen, wir tauschten fast alles, auch Schuhe. Das brachte Flexibilität und Nähe zu Klamotten, die ich nicht besaß. Zu alle dem fand ich es nur gerecht, auch mal im Kleiderschrank meiner Eltern zu stöbern. Ich hatte scheinbar ein gutes Auge für teure Dinge und entschied mich für ein unglaublich schönes Halstuch meiner Mutter. Da ich es an ihr nie gesehen hatte, war klar, sie würde es eh nicht vermissen.
Im Wissen, dass sie mit meiner Wahl sicher nicht einverstanden war, richtete ich eine Art Ersatzkleiderschrank in der Garage ein. Eines Tages erwischte meine Mutter mich beim Umziehen in der Garage (vom Klamottentausch hielt sie gar nichts) und fischte empört ihr Halstuch aus meinem Rollerhandschuhfach. Das gab ein Theater! Sie trug es kaum, weil es ein kleines Vermögen gekostet hatte. Ihr Fund hatte viele Konsequenzen für meine nächsten Wochen.
Beim Herrenpullover meines Interesses war ich schlauer. Ich schlug ihn ein und nähte dicke Knöpfe drauf. Als Strickjacke getarnt, und selbst vom Besitzer nicht mehr zu erkennen, konnte ich ihn bedenkenlos tragen. Das einzige Problem war, es war halt keine Strickjacke, und ich schwitze mir den Hintern in der Samstagabendlichen Disco ab, und auf verschiedene Nachfragen, warum ich meine Jacke nicht aufknöpfen würde, konnte ich nur, mit leichten Schweißperlen auf der Stirn, antworten, mir wäre nicht warm.
Mit 14 wollte ich unbedingt eine Swatch. Mir war fast sch…egal wie sie aussah, ich wollte nur endlich das digitale Quarzteil, das, wenn man schwitzte, auf dem Handgelenk anfing Rostspuren zu hinterlassen, loswerden.
Der Preis war damals 65 DM- unmöglich für mich zu finanzieren. Ich machte meinen ersten Kompromiss und kaufte in einem Surfer- Shop eine Swatch in Damengröße (viel zu klein!) mit einem unglaublich hässlichen Muster für 35 DM. Aus dem Kompromiss lernte ich, und ich kann sagen, dass ich mich auf solche Deals nicht mehr einlasse. Ich habe die Uhr trotzdem geliebt und vor allen Anfeindungen verteidigt. (Leo-Muster und rotes Armband- Sie können mir glauben, da gab es viel Spott)
Das alles ist jetzt eine geraume Weile her, und ich habe mich oft gefragt, was aus den wirklich coolen Mädchen und Jungs geworden ist.
Vor ein paar Wochen trudelte eine Einladung zum Klassentreffen ein, das wird in einigen Wochen stattfinden.
Ich bin sehr gespannt…, aber alles weitere in einer anderen Episode.

Ihr Fräulein Lindemann