Warten.

Wenn ich mir über eins sicher sein kann, dann ist es, dass ich mit 100%er Wahrscheinlich im Supermarkt meines Vertrauens an der falschen, also an der langsamen Schlange, anstehe.

Auch wenn alles ganz optimistisch aussieht, kommt entweder die Oma, die erst minutenlang ihr passendes Kleingeld sucht und dann irgendwann der schon etwas angenervten Kassiererin den gesamten Inhalt, und damit die Hartgeldsammlung der letzten 15 Monate, auf das Verkaufsband kippt und mit unschuldiger Miene sagt: Fräulein, schauen Sie doch mal. Oder aber, es ist irgendein Produkt nicht vernünftig ausgezeichnet oder hinterlegt worden, und die Dame von der Kasse verschwindet für Stunden. Gerne wird auch in meiner Schlange vergessen, das Obst oder Gemüse im Vorhinein zu wiegen.

Das passiert mir genauso im Kino, vor der Autowaschanlage oder auch gerne im Stau. Ich bin da, wo es nicht weiter geht.

Wenn ich mit dem Mann im Auto fahre und im Stau stehe, gibt es gute Ratschläge für mich, und er berät mir ganz genau wie ich wie eine Irre alle 2-3 Autolängen versuchen soll, die Spur zu wechseln, denn ich könnte ja 10 Sekunden Zeit herausschinden.
Die guten Ratschläge missfallen mir natürlich , aber ich kann mich schwer entscheiden was schwerer wiegt, der Mann, der sich als Besserwisser entpuppt und allen anderen Menschen in diesen Momenten das Autofahren, inklusive das Entscheidungen fällen, abspricht, oder die Ungeduld über das Warten.
Warten bestimmt unser Leben.

Es gibt ganze Zimmer und ganze Bereiche, eigens für das Waten gebaut.
Wie viel Zeit der Mensch wohl in seinem Leben damit vergeudet, weil man keinen Einfluss hat (oder nur sehr eingeschränkt). Warten kommt im Ranking bestimmt gleich hinter Arbeiten und Schlafen.
Manchmal muss man auch auf mich warten. Wie beim Laufen. Also ich meine beim Joggen, oder wie auch immer man meinen Zustand dann nennen kann, und wenn ich das gemeinsam mit dem Mann mache, gehört viel Geduld seinerseits dazu. Es gibt ganze Bücher über das warten. Godot kam nie.
Derzeit wird eine meiner größten Schwächen mit Warten herausgefordert. Ich bin eher ungeduldig, und abgesehen von den verschiedenen Schlangen, in denen ich mich regelmäßig wiederfinde, und mit deren Existenz ich mich abgefunden habe, gehöre ich eher der Gruppe, der stark ungeduldigen Menschen, an.
Als Kind fand ich Warten schon doof, und als ich halbwegs sicher war, dass die Weihnachtsgeschenke weder vom Weihnachtsmann noch vom Christkind gebracht wurden, habe ich mich auf die Suche nach den Geschenken begeben. Gut, ich habe nicht immer alles gefunden, und hier eine kleine Mitteilung an meine Mutter, auch nicht immer reingeschaut.

In meinem Job wird gerade umstrukturiert oder wie es bei uns so schön heißt, transformiert. Seit 3 Monaten weiß ich, dass es meinen Verantwortungsbereich in Zukunft nicht mehr geben wird. Der Zeitpunkt x rückt recht nahe und ist gefühlt nur noch Stunden entfernt. Seit über 2 Monaten habe ich ein neues Ziel, das aber aus innerbetrieblicher Gemächlichkeit einfach nicht näher, bzw. ganz ran rückt. Die ersten Wochen waren furchtbar, besonders für den Mann, denn ungeduldiges Warten verbündet sich wahnsinnig gerne mit ungerechtfertigtem Motzen, schlechter Laune und Nörgeleien.
Aber irgendwann fängt man sich, auch ohne Meditation und Yogaübungen.
Habe ich resigniert. Sicher nicht. Bin ich weise oder wohlmöglich geduldig geworden. Sehr unwahrscheinlich.
Ich bin einfach nur geizig geworden, geizig mit meinen Ressourcen, die ich auf keinen Fall durch Situationen aufbrauchen möchte, die ich eh nicht ändern kann.

Wohlmöglich doch etwas gelernt…

Ihr Fräulein Lindemann

 

Kommunikation.

Machen wir mal eine kleine Zeitreise und schauen zurück, wie denn früher kommuniziert wurde.
Es gab Brieftauben (Krähen bei Game of Thrones), die Indianer haben Feuer gemacht und schickten Rauchzeichen in die Weiten der Prärie.
Es gab Postkutschen, in denen Briefe transportiert wurden. Heute macht das der Briefträger, der vermutlich zu 90% keine Briefe, sondern Rechnungen und AMAZON-Päckchen verteilt.
Wer schreibt sich denn heute noch einen Brief oder eine Postkarte?
Ja, Briefe und Postkarten, damit bin ich auch noch groß gewordenen.
Wie ist das mit der persönlichen Kommunikation? Wer redet heute denn noch in Familien. Alles ist hektisch, und eine echte Gesprächskultur besteht doch gar nicht mehr.
Gab es die früher?
Wenn meine Eltern etwas gesagt (bestimmt) haben, gab es eigentlich keinen Raum für Einwände und wenig Spiel für Grundsatzdiskussion.
Es wurde halt gemacht, oder es gab Sanktionen. Einfache Entscheidung.

Wann und wie haben wir gelernt, Probleme anzusprechen und zu besprechen?
Haben wir das überhaupt gelernt?
Der Mann würde sagen, ich auf jeden Fall, auch manchmal sehr zu seinem Leidwesen, da ich alles von sämtlichen Seiten beleuchte und 100 Mal die Perspektive wechsele. Aber ich spreche.
Der Mann nicht immer, es sei denn, ich nötige ihn.
An dieser Aussage, die mit dem Mann und dem Wort, und uns Frauen, die es eher mit dem Wörterbuch haben, ist laut einer Studie nichts dran, aber Studien sind ja bekanntlich dehnbar in der Deutung und sehr flexibel in der Aussage.

Also ist das Klischee von der geschwätzigen Frau und dem wortkargen Mann nun passé, oder nicht?
Obwohl wir Frauen bewiesener Maßen 11% mehr Gehirnzellen im Sprachzentrum haben als Männer, halten wir fest: Frauen reden viel und Männer auch (wenn sie wollen).
Wir nutzen unsere 11% halt nur manchmal, und entscheiden wann und wie wir wollen.

Schaue ich bei den Kids genauer nach, kann ich sagen, dass der 11-Jährige im Haus den Rest der Familie in Grund und Boden quatschen kann (und das auch regelmäßig unter Beweis stellt), bis einem fast die Ohren bluten.
Aber ist das Kommunikation? Ist Kommunikation nicht eine Form des ausgewogenen Dialogs?
Ein Austausch?
Aber wie sieht unser Austausch im Zeitalter von SMS und What´s App eigentlich aus? Und im Zeitalter von formlosen Emails?
Es werden Emojies geschickt, die jede Form des Befindens mit einem gelben Klecks und unterschiedlichen Gesichtszügen zeigen.
Wenn´s ganz mies läuft, werden Kackhäufchen geschickt. Politisch korrekt sind auch die Daumen-Hoch und Peace Zeichen, gibt es ja in allen Farben.
Ich bin nicht sicher, ob gelb wirklich ganz korrekt ist, aber vielleicht wird auch nur der Finger eines Hepatitis-Patienten nachgestellt.
Wir werden faul mit unseren Worten, dumm mit unserer Grammatik und sparsam mit allgemeinen Umgangsformen. Wir schicken What´s app, und wie kleine Stalker schauen wir, wann denn endlich die 2 kleinen Häkchen aufleuchten, und dann sind wir empört, wenn nicht in Null Komma Nix eine Antwort kommt. Selbstverständlich auch in geschriebener Form.
Gestern wollte der Mann zum Fußballspielen fahren, das macht er ein Mal in der Woche. Und eigentlich holt er immer einen Freund ab.
Gestern schrieb der Mann dem Freund eine What´s app, um in Erfahrung zu bringen, ob es beim Abholen bliebe.
Niemand antwortete, leider, und noch schlimmer, niemand hatte seine Nachricht gelesen.
Als es Zeit war, endlich loszufahren, saß der Mann wie auf heißen Kohlen.
Was tun?
Er schaute mich fragend an: was mache ich denn jetzt, er hat noch nicht geantwortet? Willst du mal seiner Frau schreiben?
Ernsthaft?
Ich musste lachen und sagte, er solle es mal ganz altmodisch mit einem Anruf versuchen. Das wäre wohl der direkteste Weg.
Niemand ging ran, und der Mann war noch ratloser.
Aber dann klingelte doch tatsächlich sein Telefon, und der Freund rief ganz altmodische zurück.

Ihr Fräulein Lindemann

 

Entscheidungen.

Warum ist es so schwer Entscheidungen zu treffen?
Oder mutig zu sein?
Einfach mal Position zu beziehen, oder eine Meinung zu haben?
Wie ist das so mit den Entscheidungen? Kopfgefühl und Pragmatismus? Wer oder was lässt uns entscheiden? Was ist los mit dem Bauchgefühl?
Hiermit meine ich nicht das Gefühl, wenn man Hunger hat, sondern das Gefühl, was uns intuitiv das eine oder andere machen lässt. Aber eigentlich sind wir gar nicht an diesem Punkt, das eine oder auch das andere zu machen. Ich meine, wir sind nicht da, wo wir tatsächlich aktiv nach rechts oder ganz bewusst nach links gehen.
Wir warten in der Mitte, und wir hoffen, dass irgendetwas passiert was uns hilft.
Vielleicht jemand, der vorbeischaut, der uns an die Hand nimmt und sagt: komm´, hier lang.
Eigentlich ist es wie im Märchen; …und wenn sie nicht gestorben sind, dann warten sie noch immer.
Damit sind wir raus, raus aus der Verantwortung für uns oder unser Handeln. Sind wir Marionetten oder doch Lemminge, die alles mit sich machen lassen, der Gruppe folgen und uns irgendwann im Rhein wiederfinden, weil ein Lemming vorgelaufen ist, und wir hinterhertrabten.
Ohne zu entscheiden, dass schwimmen im Rhein ganz schön kalt ist, oder zu entscheiden, dass es den Klamotten und der Handtasche nicht so gut tut, im Flusswasser ertränkt zu werden.

Unser ganzes Leben besteht mittlerweile aus einer Ansammlung von Aktionen, die wir gar nicht mehr bewußt begonnen haben.

Wir sind wie die deutsche Grammatik- passiv.
Nicht „Ich öffne die Tür “ sondern: „die Tür wird von mir geöffnet“. Oder halt von jemand anderem.
Nicht nur, dass uns Positionieren so schwerfällt. Viel schlimmer ist es, dass wir gar nichts mehr mit uns anzufangen wissen. Überall sind wir fremdbestimmt. Die größte Fremdbestimmung fängt beim Handy an, auf das wir ständig schauen. An der Ampel, in kurzen Wartemomenten, beim Friseur, in Meetings (heimlich).

Kürzlich, beim Gehen auf dem Bürgersteig, gerade meine super wichtigen E-Mails checkend, stoppte ich genau 3 cm (vielleicht waren es auch 4 cm, aber auf keinen Fall mehr) vor einem Straßenschild, genau 3 cm, die meine Stirn, meine Nase oder auch meine Zähne vor einer Kollision und damit einer Katastrophe retteten.
Wie blöd muss man sein?
Nicht, dass ich vermutlich 5 Minuten zuvor alle E-Mails angeschaut hätte.
Langeweile macht es möglich. Kann man sich beim auf der Strasse gehen langweilen, so dass man sich gleich wieder ablenken muss? Ich verstehe mich selbst nicht.
Warum konzentriere ich mich nicht auf eine Sache und lasse mich vielleicht von Dingen wie mit Schuhen gefüllten Schaufenstern ablenken, oder von interessanten Menschen?

Weiß ich denn noch, was mir Spaß macht? Kann ich noch etwas mit mir selbst anfangen?

Wissen Sie das noch? Was sind denn Ihre Hobbies? Und überlagern diese vermeintlichen Hobbies nicht nur die Unfähigkeit mit sich selbst auszukommen?
Zurück zur Entscheidung.
Jeder hat eine Wahl. Und jede Wahl hat eine Ursache, einen Grund. Man macht etwas, um etwas zu erreichen, warum also nicht sofort starten?
Man kann entscheiden, sein Telefon nicht über sein Leben bestimmen zu lassen zum Beispiel.
Wieso stehen manche Menschen nicht zu dem was sie machen?

Niemand kann sagen, etwas ist einfach passiert. Nicht, weil man ja nichts gemacht hat. Auch Stehenbleiben und nichts zu machen, ist eine Form der Entscheidung. Auch nicht, weil man sich für a. oder b. entschieden hat.
Wenn ich morgens zu spät komme, hatte ich mich wohl vorher entschieden etwas länger zu schlafen, oder zumindest einfach nicht aufzustehen, vielleicht ist die Entscheidung auch schon am Abend vorher entstanden. Beim zu lange in den TV schauen, oder bei dem 2. Glas Wein.

Also Schluss mit den Ausreden, Stöckchen aus dem Hintern ziehen und das Leben gestalten!

Ihr Fräulein Lindemann

 

Schon wieder.

Schon wieder ist ein Jahr um. Und schon wieder denke ich: das ging ja schnell. Und ich bin ganz überrascht.
Es ist wieder so weit. Gute Vorsätze werden gefasst, und alles wird im neuen Jahr besser.
Aber was soll besser werden? Und welche Vorsätze?
Der Mann und ich rauchen seit 4 Jahren nicht mehr. Der Vorsatz fällt schon mal weg. Sollten wir uns vornehmen wieder anzufangen? Wohl nicht.
Ich sollte mehr trinken. Zu mindestens Wasser oder Tee. Sollte ich etwa weniger Alkohol trinken? Wo mir doch Rotwein, Champagner und Gin & Tonic so gut schmecken. Auf gar keinen Fall.
Weniger Zucker oder Kohlenhydrate? Schwierig. Freunde machen das, und der männliche Teil dieses Paares hat schon 20 kg verloren.
Ich finde, 20 kg weniger würden mich mager, ja sogar unterernährt aussehen lassen, also lasse ich es besser.
Kennen Sie das, je mehr Sie über etwas nachdenken, was Sie nicht mehr tun sollten, desto größer ist das Interesse daran, es doch zu tun. Nachdem die Freunde uns ein Wochenende lang besucht hatten, und ich feststellen musste wo überall Zucker enthalten ist, und in welchem Maße, ist mein Appetit auf Pasta, Kuchen und Schokolade kaum noch zu bezwingen. Furchtbar.
Leider funktioniert das nicht im Umkehrschluss mit Obst- ach nein, auch Zucker- oder zumindest mit Gemüse. Mit Sport geht es übrigens auch nicht.
Ich denke darüber nach, wie gut mir Sport täte, kaufe neueste Sportsachen und Schuhe, sehe blendet und hochmotiviert darin aus und dann, wenn ich ganz genau in mich hineinhöre, dann, tut irgendetwas weh und hält mich davon ab. Derzeit ist es mein rechter Unterarm, wegen meines Tennisellbogens, den ich mir im Sommerurlaub zuzog. Jetzt fragen Sie sich, was der Unterarm mit z.B. Joggen zu tun hat?
Nichts.
Unterarm und Fuß stehen allerdings in einer solchen Symbiose zueinander, so dass das Fußgelenk ganz emphatisch einfach mit schmerzt.

Aber was könnte ich mir wirklich vornehmen?

Nehme ich mir doch vor, mein Leben, so wie es ist, zu genießen. Nicht zu überlegen, wie irgendetwas besser oder anders sein könnte, sondern zu realisieren was ich alles habe.

Ich habe den Mann, auch wenn wir gelegentlich unterschiedlicher nicht sein könnten, ist er mein großes Glück. Ich bin nicht sicher, ob ich es ihm genug sage, allerdings weiß ich auch nicht, ob er nicht übermütig würde, wenn ich es täte.
Wir haben ein tolles Zuhause. Auch wenn ich in der ganzen Welt herumreise, weiß ich doch wo ich hingehöre. Das Zuhause könnte überall sein, solange WIR dort sind.
Ich bin gesund, abgesehen von meinen „Altersbeschwerden“. Der Mann auch.
Ich bin nicht adipös, trotz Genuss von Alkohol, Zucker und das konsequente Ablehnen von Sport. Das ist ein echter Vorteil.
Der Mann und ich haben tolle Freunde.
Die sind manchmal schräg wie wir, manchmal konservativ und manchmal auch ganz normal, und die lieben wir. Das ist nichts gegen unsere verrückten Familienüberreste, die toppen alles, aber wir lieben sie auch, manchmal ein wenig mehr als in anderen Momenten.

Unser Kühlschrank ist immer voll, unsere Weinschränke (Plural!) auch. Die Kids sind gesund und werden ihren Weg gehen. Also, was wünsche ich mir für das nächste Jahr?

Das alles so bleibt, und dass es noch viele, viele weitere davon geben wird, in genau dieser Konstellation!

Frohes neues Jahr!

Ihr Fräulein Lindemann

 

Gepäck.

Es gibt dieses eine Lied von Silbermond. Da heißt es:
Eines Tages fällt dir auf, dass du 99% nicht brauchst. Du Du nimmst all den Ballast und schmeisst ihn weg, denn es reist sich besser, mit leichtem Gepäck. Du siehst dich um in deiner Wohnung, siehst ein Kabinett aus Sinnlosigkeiten. Siehst das Ergebnis von kaufen und kaufen von Dingen, von denen man denkt man würde sie irgendwann brauchen.
So geht es mir auch regelmäßig.
Ich habe das Gefühl, ich ersticke. Manchmal befürchte ich auch, der Mann und ich könnten Messies werden, oder sind es schon. Das ist natürlich Quatsch, obwohl unser Nachbar, der alles immer wegschmeißt und dessen Keller minimalistisch eingeräumt ist, d.h. nur mit dem Wichtigsten. Was in diesem Fall Kölsch für ihn, Champagner für seine Frau (und mich) und Rotwein, falls seine Frau und ich mal wieder 1 Stündchen Sport benötigen, bedeutet.
Das verstehen Sie jetzt nicht?
Ich erkläre es kurz: 1 Glas Rotwein (Weißwein funktionierte nicht) ist wie eine Stunde Sport und setzt nicht an. Das haben die Nachbarin und ich- hier müsste es sogar ordnungsgemäß „Ex-Nachbarin“ heißen, weil beide, Ex- Nachbar und Ex- Nachbarin mit Ex- Nachbarshund, vor genau 6 Wochen und 2 Tagen aus- bzw. umgezogen sind.
Ich kann noch nicht gut darüber reden, es wühlt mich noch zu sehr auf. Hier sei kurz gesagt, ich schaue gerade wieder Ally McBeal, daher die Wortwahl, und zweitens versuche ich ein schlechtes Gewissen bei denen zu entwickeln (schwieriges Projekt),da sie uns mit einem Kinder-Juppi-Pärchen zurück gelassen haben, das sich noch nicht mal vernünftig vorstellen konnte, und das ich schon aus Prinzip total doof finde.
Zurück zum Ausmisten.
Wenn mich der Mann mit großen blauen Säcken in der Hand sieht, bekommt er schon eine leichte Panik, denn er weiß, jetzt ist es wieder so weit. Ich liebe Ordnung, manchmal bin ich allerdings auch latent gestört, denn ich schaffe es, Dinge vor mir hin und her zu schieben, Zentimeter oder auch nur Millimeter, und finde das sie genau dann „richtig“ stehen. Nur ich weiß was und warum ich das tue. Die Kinder und der Mann machen sich lustig. Damit lebe ich gut.
Ich habe meine Mutter beobachtet, die macht das auch, nur noch eine Spur irrer. Da muss man aufpassen, dass sie einem das Kissen unterm Hintern nicht umdekoriert. Also kann ich gar nichts dafür: es sind die Gene.
Der Mann hat andere Gene, seine haben eher etwas mit Verlustangst zu tun. Es sammelt alles und hebt es auf, weil man es irgendwann ja gebrauchen könnte. Bei ihm sind es auch dominant vererbte Anlagen, und auch hier sei zu sagen, im Vergleich zu seinem Vater ist er die „light-Version“.
Sein Vater hatte bis in die späten 90er Jahre noch Konserven und Dosen aus dem 2. Weltkrieg. Was da genau drin war und ob die Dosen sich schon miteinander unterhalten haben, weiß ich nicht, aber das ist nur ein Beispiel von wirklich vielen. Mit Telefonnummern hatte sein Vater es übrigens ähnlich gehalten- aufheben, man weiß ja nie. Auch wenn die PLZ noch 4 stellig war und man die Damen noch mit Fräulein angeredet hat.
Vielleicht muss ich auch nur so viel ausmisten, weil ich ein wenig der Gruppe der Sammler angehöre oder einfach nur unordentlich bin. Wir haben in der Küche so eine Schublade, da ist alles drin und regelmäßig platzt sie aus allen Nähten. Da sind dann Prospekte, Post, Taschentücher, Kekse, alte Einkaufszettel und vieles mehr drin. Warum erst packe ich alles da rein und nicht sofort in den Müll oder in die Ablage? Ich weiß es nicht, nur, dass mein Vater auch so eine Schublade hatte, und da drin zu stöbern war die pure Überraschung, da habe ich Mitte der 80er einmal einen Quelle Versandhauskatalog von 1976 gefunden, ich weiß noch wie sehr mich die riesigen Blusenkragen und der rote Mantel beeindruckt haben.

Ich habe noch ein paar Tage Urlaub, der Mann nicht. Das bedeutet, ich kann raustragen was ich möchte, ohne dass er den Müll inspizieren kann oder kleine Panikattacken bekommen wird.

Ich fahre jetzt los und kaufe neue Müllsäcke.

Ihr Fräulein Lindemann

 

Zeitreise.

Letztes Wochenende machten der Mann und ich eine Zeitreise.
Der Ort dafür war eine Lokalität mitten im Scheunenviertel der alten Berliner Mitte.
Ein altes Gebäude, das Weltkriegen und DDR getrotzt hatte, und den Spaß, die Verlustigung in den letzten 120 Jahren immer weiter aufs Neue gepflegt hatte, dessen Interesse es war, Menschen und ihren musischen Talenten eine Bühne zu geben, und sie zum Tanzen und Musikhören einlud, sie zusammen zu bringen.
Es gab noch alte Telefone, von denen man in der Vergangenheit von Tisch zu Tisch telefonieren konnte, um vom Objekt der Begierde den nächsten Tanz zu erbitten.
“Clärchens Ballhaus“ war pure Nostalgie, und man fühlte sich in die 20er zurück versetzt. Die 20er, in denen alles möglich und erst recht alles erlaubt war.
Für uns gab es an diesem Geburtstagsabend feste Tische, die auch schon auf Wochen ausgebucht waren. Man saß so eng wie die Hühner auf einer Stange. Der DJ eröffnete den Abend mit 70er/ 80er Musik, und etwas ältere Herrschaften starteten ihre Paartänze.
Wenn man meinen würde, Paartanzen sei eine Fragen des Alters und uncool, kann ich nur sagen: falsch. Es macht Spaß zuzusehen, und, es gibt Regeln, sodass auch 2 völlig Fremde harmonisch, und mal mit mehr und mal mit weniger Anmut über das Parkett schweben können.
Methusalem war an diesem Abend auch dort zu Gast.
Ein kleines, hageres, dürres Männlein, in schwarzer Hose und weißem Jackett, ausgemergelt und faltig wie ein chinesische Shar –Pei.
Das sage ich ohne jede Übertreibung.
Methusalem war bestimmt Mitte 90, allerdings, und hier kann sich so manch ein Tanzmuffel und Koordinationslegastheniker eine Scheibe abschneiden, eine wirkliche Tanzgranate und der geborenen Charmeur.
Er war in seinem ersten Leben sicherlich Eintänzer und auch jetzt noch war er in der Lage mit seiner Partnerin um die 69 zu tanzen, aber auch gleichzeitig nach jüngeren zu schauen, und diese auch anzutanzen , ohne jedoch seiner Haupttanzpartnerin weniger Aufmerksamkeit zu gönnen.
Wissen Sie was sein Eintänzer ist?
Ein Eintänzer war in der Zwischenkriegszeit ein Angestellter von Tanzschulen, der bei Tanzveranstaltungen weibliche Gäste zum Tanz aufzufordern hatte. Der Beruf kam nach dem Ende des Ersten Weltkriegs auf. Der Begriff Eintänzer änderte sich irgendwann in „Gigolo“, und seine Arbeit umfasste neben dem Tanzen auch andere, sagen wir mal so, Sonderleistungen.
Unser altes Männlein im Clärchens war, und da bin ich sicher sehr aufs Tanzen fokussiert und nicht an anderen Dingen. Und er war trotz des hohen Alters so fit, dass ich es beschämend zugeben muss:
ich komme nicht so schnell und elastisch in die Hocke und dann auch wieder hoch.
Er konnte das. Und nicht nur ein Mal.
Es ist 2 Wochen vor Sylvester und mal wieder Zeit für gute Vorsätze, ich sollte über ein Sportprogram nachdenken, vielleicht klappt es dann auch wieder mit der Mobilität, und ich komme runter in die Hocke ohne Gefahr zu laufen umzukippen,… oder bis in alle Ewigkeit in der Position sitzen zu bleiben.
Das wäre wohl jetzt der Fall.

Ihr Fräulein Lindemann

 

Ersatzteillager.

Vor einigen Monaten hatten der Mann und ich regelmäßig Rückenschmerzen. Aufstehen, recken und strecken, …Schmerzen!
Regelmäßig in Hotelbetten schlafend, und dort am nächsten Morgen fröhlich aufstehend, war klar: eine neue Matratze muss her- die Lösung unseres Problems war sonnenklar.

Im Internet kann man sich wochenlang über Matratzen informieren. Matratzen können viel, außer vielleicht Singen und Tanzen.
Wir entschieden uns für ein Modell, das bei Stiftung Warentest im aktuellsten Test am besten abgeschnitten hatte.
Wie das manchmal so mit den Tests ist, plötzlich will jeder das Produkt der Begierde.
Wir warteten 7,5 Wochen. Aber wir warteten selbstverständlich gerne.

Irgendwann lag die DHL Mitteilung im Briefkasten; unsere Matratze war bei den Nachbarn abgegeben worden.
160 x 200 cm bei den Nachbarn? Ich klingelte und nahm ein kleines Päckchen in Empfang. Ein wirklich sehr kleines Päckchen.
Interessant.
Ich wartete auf den Mann. Gemeinsam öffneten wir das Päckchen und ließen den Inhalt frei, der sich plötzlich mit viel Luft in unsere 160 x 200 cm große Supermatratze verwandelte.
Einen Tag benötigte sie sich in Form zu bringen, und das war dann auch der Tag der fehlenden Rückenschmerzen. Vorerst.
Aus unerklärlichem Grund hatte ich nach meinem letzten Skiausflug, der daraus folgenden weiteren Eingriffe, starke Schmerzen beim Auftreten meines rechten Fußes.
Einige Monate lang redete ich mir ein, was von allein (fast) kommt, geht auch wieder. Tat es nicht. Weder Cremes noch Massagen oder Schmerzmittel halfen.
Ich bekam zur Belohnung noch 2 taube Zehen.
Seit 3 Wochen bin ich glückliche Besitzerin von 2 Paar neuen Schuheinlagen. Der Schuhorthopädietechniker schaute aufs Rezept, dort standen 2 Paar, und fragte mich, ob ich Sportlerin wäre, da normaler Weise nur 1 Paar rezeptiert wird.
Ich war kurz irritiert, dann geschmeichelt, dann musste ich schmunzeln. Nein, das 2. Paar war für die hohen Schuhe. Er war kooperativ, und auch wenn er selbst keine High- Heels trug, schien ihm mein Wunsch danach nicht fremd zu sein.
Kürzlich saß ich in einem Meeting unter der Klimaanlage. Am nächsten Morgen hatte ich einen steifen Hals. Ich rede nicht davon, dass ich leicht eingeschränkt war und den Kopf nur schwerlich bewegen konnte.
Nein.
Ich konnte meinen Kopf gar nicht mehr bewegen. Das hielt mehrere Wochen an, schwer beim Autofahren, da einen dann und wann schon interessieren sollte, was neben oder hinter einem so passiert. Auch des Nachts wachte ich bei jedem Versuch mich zu drehen vor Schmerzen auf. Fehlender Schlaf des Nachts macht ärgerlich.
Neulich wachte ich morgens auf und konnte mich gar nicht mehr rühren.
Ich beschwerte mich beim Mann. Der lachte nur und sagte: willkommen in meiner Welt. Das wird nicht besser.
Er hatte Recht. Immer tut etwas weh und ich fühle mich wie ein Ersatzteillager.
Ich habe eine Beißschiene, gegen nächtliches Pressen (nein, ich knirsche nicht). Ich trage Kontaktlinsen, und ich habe eine Hallux Valgus Nachtschiene.
Ich bin sicher, beim nächsten Zahnarztbesuch wird entschieden, dass eine Zahnspange meinem Oberkiefer helfen könnte, in angestrebter Form zu bleiben.
Überall wird mit Wimpern- Extension geworben, ich habe kurz darüber nachgedacht. Alles ist getunt und aufgepeppt, nichts funktioniert mehr so wie es sollte.

Im Urlaub hatten der Mann und ich Tennis gespielt. Mit genügend Diclofenac hat mein schmerzender Fuß prima mitgemacht. Wir sind maßlos, der Mann und ich, und waren so froh darüber, einen gemeinsamen Sport gefunden zu haben, so dass wir jeden zweiten Tag spielten.
6 Wochen später dachte ich, mir fällt der Koffer ins Gesicht, als ich in der Flugzeugkabine mein Handgepäck im oberen Stauraum unterbringen wollte, und mich mein kraftloser und zugleich schmerzender Ellenbogen fast hinterhältig verletzt hätte, als er schlicht versagte.
Der Orthopäde meines Vertrauens spritze mir Kortison, das hielt 5 Wochen, und jetzt trage ich eine Ellenbogenorthese.

Wird es besser im Alter, vermutlich nicht. Bleibt mir der Satz: ich altere in Würde! Im Halse stecken, weil es gelogen ist? Vermutlich. Kann ich nur jedem jungen Menschen raten, sich an fehlender Orangenhaut, körperlicher Flexibilität und am schmerzfreien Allgemeinzustand zu erfreuen?
Ganz sicher!

Ich werde mir jetzt mal eine Wärmflasche machen und mich mit hochgelegten Beinen vorsichtig aufs Sofa legen.
Nur keine hektischen Bewegungen.

Ihr Fräulein Lindemann

 

Unsichtbar.

Menschen reagieren auf äußere Einflüsse. Beeinflussen kann uns viel: Gerüche, Geschmäcker, Situationen.
Männer werden da eher nur von visuellem beeinflusst. Männer sehen halt gut. Nun gut, sie hören auch gut, zu mindestens, wenn ein 911 Turbo oder ein 1969 Ferrari aus der Ferne heraneilen.
Mit dem Sehen ist das aber so eine Sache, das ist eher selektiv.

Männer schauen auf kurze Röcke und auf dazugehörende Beine, sie sehen rote Lippen und blonde Haare. Bestimmte Körpervolumen blenden sie aus, auch wenn diese eigentlich nicht zu übersehen sind ( ich meine keine Brüste). Sie sehen rote Lippen und hohe Schuhe.

Ich bin seit über 20 Jahren Kontaktlinsenträgerin. Ich trage sie in 99% der Zeit, so dass viele Menschen in meiner Umgebung, selbst Freunde, überrascht sind, wenn sie davon erfahren. Ich bin kurzsichtig. Sehr? Genug. Nicht so viel wie meine Freundin Steffi, mit der ich in einer WG zusammengewohnt habe. Die machte mich irgendwann nachts ganz hektisch wach, ohne ihre 9 Dioptrien auf der Nase, und zeigte mit ihren Händen einen Abstand von ca. 20-30 cm und murmelte hektisch und aufgebracht, und mit einer leichten Panik in der Stimme, dass ein Tier in dieser Größe in ihrem Schlafzimmer sei.
Ich konnte mir spontan kein Tier dieser Größe, das nicht von uns offiziell ins Haus gebracht wurde und Hund oder Katze hieß, vorstellen, das sich in Steffis Schlafzimmer verirrt haben könnte, und nun an ihrer Wand saß.
Ich war mutig, vielleicht auch, weil ich dachte, sie hätte schon geschlafen, und ein kleiner Schlummer hatte Traum und Realität vermischt.
In ihrem Zimmer angekommen, wurde ich fündig.
Dort saß ein grüner 4 cm langer Flip (der aus „die Biene Maja“) und warf durch die Nachttischlampe einen etwa 20 cm langen Schatten an die Wand, der ohne Sehhilfe, quasi zum wilden Tier mutierte.
Wir ließen ihn frei.
Neulich hatte ich aus heiterem Himmel ein leichtes Brennen im linken Auge, hinzu kam ein winziges Fremdkörpergefühl, das jedoch mit weiterem Fortschreiten des Tages immer intensiver wurde, und irgendwann das Auge tränen ließ, und eine Rückfahrt mit dem Auto stark erschwerte.
Klappt ein Auge zu, neigt das zweite, ganz solidarisch, gerne auch dazu mit zuklappen, und mit geschlossenen Augen lässt es sich schwerlich fahren. Irgendwann hatte ich es geschafft.
Gut auf sämtliche mögliche Erkrankungen vorbereitet (Teenager mit Gerstenkorn) hatte ich Augentropfen da, von denen ich mir Linderung versprach.
Aber erst einmal mussten diese Linsen raus, nicht ganz einfach, wenn das Auge alles möchte, aber nicht sich öffnen.
Ich gewann und suchte meine Brille. Meine tendenziell eher großen blauen Augen verschwanden hinter den Gläsern und verwandelten sich zu schweinsartigen Sehschlitzen. Meine Welt war durch die Hornhautverkrümmung plötzlich wie Tim Burtons Alice im Wunderland, und ich sah aus wie eine strenge Sekretärin, die jeden Moment ihre Handtaschenpeitsche herausholen könnte, weil sie noch einem Nebenjob nachging.
Der Mann fand es super. Wir haben nicht genauer darüber gesprochen, warum. Ich nahm einfach seine Meinung entgegen, und ich stellte nichts infrage.
In der anderen Welt, außerhalb unserer Zweisamkeit musste ich jedoch feststellen, dass ich aus jeglichem Beuteschema der männlichen Welt zwischen 37-55 Jahren herausgefallen war. Ich existierte nicht mehr.
Ich war unsichtbar.
Egal ob Männer selber Flaschenböden auf ihrer Nase trugen, Bauch oder Glatze dazu, ich existierte nicht mehr in ihrer Welt und wurde keines Blickes gewürdigt.
Nach drei Tagen war meine Bindehautentzündung wieder verschwunden, ich baute noch einen Sicherheitstag ein und stellte am 5 Tag fest, wie unbekümmert und frei ich wieder sehen konnte, musste aber gestehen, dass ein paar Brillentage jedes fremde Lächeln wieder viel höher bewerten und mich viel öfter zurück lächeln lassen.

Ihr Fräulein Lindemann

 

Pünktlichkeit.

Als ich den Mann kenne lernte, hatte ich nicht allzu viel mit Jazz zu tun.
Ich hörte das eine oder andere schon mal ganz gerne, meine Freundin zerrte mich auch dann und wann in den einen oder anderen Jazzclub in Berlin, aber diesen absoluten Hype, den verspürte ich nicht.
Der Mann änderte das.
Als plötzlich hunderte alte und neue Jazzplatten aus Vinyl dann in unser erstes gemeinsames Zuhause mit einzogen, kam die Neugier, und dann irgendwann kam die Liebe.

Ich war vor 2 Wochen in New York. Das letzte Mal in dieser berauschenden Stadt hatte es mich zusammen mit dem Mann ins Village Vanguard verschlagen, DER Club der Stadt, der 1935 seine Türen zum ersten Mal öffnete, und in dem alle großen der Welt gespielt haben und spielen (auch Miles Davis und Art Blakey).
.
Ich schaute im Internet, wer wo spielen würde und entschied mich für das Blue Note. Dieses Mal leider ohne Mann.
Der jedoch war neidisch, denn ich hatte die fantastische Möglichkeit, Stanley Clarke live und in Farbe zu sehen, und noch wichtiger: zu hören! Der Star seiner Jugend.
Ich erzählte meinem Italienischen Kollegen von meinem Plan, und er entschied mit seinen 11 Kunden (der Besuch in NYC war beruflicher Art) mitzukommen. Da er sich um die Tischreservierung kümmern wollte war ich einverstanden.

Ich arbeite mit einem Europäischen Team zusammen und habe mich über die Jahre an bestimmte Eigenheiten gewöhnt, mein Team auch an meine (hatten sie eine Wahl?). Meistens bedienen wir das ein oder andere Vorurteil ganz gerne, oder wir spielen nur ein wenig damit, oder wir tun das Gegenteil vom Erwarteten.
Ich kann schimpfen wie eine Südländerin mit Händen und Füßen, mittlerweile kann ich in Frankreich zum Mittagessen ein Glas Wein trinken, und zwar ohne danach direkt vom Stuhl zu kippen. Ich bringe mir extra Strickjacken und Schals mit, wenn ich in Irische oder Englische Meetings gehe, damit ich nicht mit einer Erkältung und halb erfroren zurückkomme, auch wenn alle anderen in T-Shirts dort sitzen, und wir Diskussionen über offenen Fenster und das Einstellen der Klimaanlage führen müssen. Ich kann um 22.00 Uhr zu Abend essen und auch um halb 7.

Mein Italienisches Team ist sehr strukturiert. Sie fangen mit ihren Meetings um 8.00 morgens an, machen wenige und nur kurze Pausen, und arbeiten bis abends durch.

Meine Kollegen lachen, wenn ich eine viertel Stunde vor Veranstaltungsbeginn gestriegelt und gespornt schon dort bin.
Meinen Eltern war das immer sehr wichtig mit der Pünktlichkeit, meinem Vater besonders, hatte er doch sein ganz persönliche Familientrauma, da meine Tante IMMER zu spät kam, und das wirklich konsequent, über 20 Jahre jeden Sonntag mindesten 10 Minuten zum Gottesdienst, und wahrscheinlich auch zu ihrer eigenen Hochzeit, aber das kann ich nicht belegen, da war ich noch nicht auf der Welt.
Zurück zum Blue Note.
Herr Clarke sollte um 20.00 Uhr anfangen zu spielen, und amerikanisch eingetaktet, kann man sich auch auf die Uhrzeit verlassen, denn um 22.30 spielt er den 2. Slot. Bis dahin müssen alle gegessen und den Laden wieder verlassen haben um den neuen Gästen den Weg frei zu machen.

Abends ist es in NYC immer voll.

Alle, wirklich alle wollen zum Abendessen ausgehen, keiner fährt selber, und jeder möchte seinen Weg möglichst von a nach b ganz bequem in einem Taxi verbringen.
Typisch Deutsch stand ich um halb 7 in der Taxischlange des Hotels um auch ja rechtzeitig um halb 8 an unserem reservierten Tisch zu sitzen.
20 Minuten später saßen mein Kollege und ich im Taxi, und weitere 35 Minuten später saßen wir am für 13 Personen reservierten Tisch, direkt neben der Bühne, mit bestem Blick.
Wir hatten Hunger, tranken schon mal ein Bier oder auch 2, und aßen das gesamte Brot auf, während wir auf die 11 fehlenden italienischen Kunden warteten.
Wir machten Beweis-Fotos und waren voller Vorfreude!

Die Zeit verstrich und niemand tauchte auf. Der Italiener neben mir (bestimmt hatte er auch irgendwo versteckte deutsche Vorfahren) wurde langsam ungeduldiger, telefonierte hier und da, und es machte sich ein leichtes Unbehagen bemerkbar.
Um 5 vor 8 waren wir noch immer alleine, um 3 vor 8 setze man uns 4 fremde Menschen an den Tisch, und um 2 vor 8 kamen 3 weitere Fremde dazu. Jegliche Diskussionen, unsere „ Freunde“ wären gleich da, half nichts- Hier zählte jeder besetzte Stuhl und zwar vor oder zu mindestens um 8 Uhr.
Wir mussten also gehen, ich konnte es kaum glauben, aber es fehlten uns ja 7 Plätze.
Am Ausgang trafen wir auf die fehlenden Teilnehmer unserer Gruppe, die Stimmungsverantwortlichen. Meine war definitiv mies.
Innerlich flippte ich aus, nach außen bewahrte ich Contenance.
Die Italiener waren sich keiner Schuld bewusst, lag doch alles am Verkehr und am Taxifahrer. Ich explodierte- … innerlich.
Ich konnte nichts sagen, alles was herausgekommen wäre, hätte diese Kundenbeziehung für die nächsten Jahrhunderte unwiderruflich beendet.

Ich versuche immer jeder Situation etwas Positives abzugewinnen, alles hat immer einen Sinn.

Ich suche noch immer….

Fräulein Lindemann

 

Zufriedenheit.

Warum nörgeln wir Frauen eigentlich immer an uns herum?
Nie sind wir ganz zufrieden. Es fängt schon bei den Haaren an. 93% der Frauen färben oder tönen sich ihre Haare.
Auch wenn Birgit Schrowange neuerdings den grauen Kurzhaarschnitt propagiert, bin ich mir sicher, die Anzahl der Nachahmer wird gering sein. Grau steht erstens nicht jedem und zweitens sieht man mit grauen Haaren alt aus. Und bei all dem Jugendwahn, wer will das schon, wenn man das mit geringem Aufwand ändern kann?
Gut, Haare sind nicht alles, und der Jugendwahn ist eigentlich ein Jugend- und Schönheitswahn.
Und… er betrifft immer noch hauptsächlich uns Frauen, mal abgesehen von Sylvester Stallone und Mickey Rouke, die es mit dem Wahnsinn ein wenig übertrieben haben, und die mit ihrem aktuellen Aussehen wenig mit den Männern zu tun haben, die sie vor 20-30 Jahren einmal waren.
Ansonsten sind Männer weniger kritisch mit sich selbst. Sie stehen morgens vor dem Spiegel, duschen und rasieren sich, stehen vor dem Spiegel und klopfen sich wie KING KONG auf die Brust und finden sich super.
Wir hingegen stehen da und drücken an nicht vorhandenen Hautunreinheiten herum, verziehen das Gesicht um neue Falten und Fältchen zu entdecken, ziehen mit den Fingern Gesichtspartien in Form und weinen den alten Zeiten nach.
Und dann planen wir: Die nächste Supercreme muss her, vielleicht eine Microdermabrasion oder Needling -Behandlung. Etwas Hyaloron oder auch Botox?
Der Mann denkt nie darüber nach.
Aber damit nicht genug, wir quetschen uns in Strumpfhosen, die unseren Po anheben, mogeln mit Spanx den Bauch und die Hüften weg , Push-Up BHs schieben unsere Brüste in den Himmel, und wir malträtieren unsere Füße in 12 cm Highheels.
Und all das ist nicht unbedingt bequem und komfortabel. Ich erinnere an einen Abend, an dem ich ein Abendkleid tragen wollte, mich aber nicht in der sportlichen Verfassung befand, mich ohne den ganzen Abend den Bauch einzuziehen und zu stehen, den Abend darin zu überstehen.
Es entschied mich für eine Art Spanx Unterkleid, das aussah wie ein Träger Kleidchen, das bis zur Mitte des Oberschenkels ging.
Der wirklich mühevolle Einstieg hätte mir zu denken geben sollen, aber ich ignorierte das einfach.
Ich sah großartig in diesem Abendkleid aus, und ich fühle mich auch so, mal abgesehen von der erschwerten Atmung.
Da geht man dann nachts mit dem Mann seines Herzens nach Hause, sieht super sexy aus, 3 Kilo leichter, hat die schönste Silhouette der Welt und beschließt irgendwann ins Bett zu gehen.
Der Moment, in dem man, und hier ist wohl der erste Fehler, denkt, man kann aus so einem Unterkleidchen einigermaßen geschickt aussteigen, den Moment, den gibt es nicht.
Geschickt, oder wohlmöglich elegant existieren in diesem Zusammenhang nicht.
Kennen Sie den Unterschied bei Frauen und Männern, wenn wir uns ein T-Shirt ausziehen? Frauen ziehen am Ärmel und nehmen einen Arm heraus, dann den nächsten und ziehen sich am Ende das Shirt über den Kopf. Männer fassen das Shirt überkreuz am unteren Bündchen an, und ziehen es sich lässig und cool über den Kopf. So war auch mein Plan mit dem Bauchwegzubehör.
Fehler. Aufgrund der Festigkeit des Materials und der mir fehlenden Kraft, blieb das Ding auf halben Weg hängen. Mein Gesicht und meine Arme hingen darunter fest und Brustabwärts war ich schon frei. Dieser Anblick ist demütigend und sehr erniedrigend, da mein Kopf von dem Ding gefangen gehalten war, blieb mir das glücklicherweise erspart.
Dem Mann nicht.
Ich kann ergänzen: dem damaligen Mann nicht.
Ich bin nicht sicher ob das Ereignismit der Vergangenheitsform in Verbindung steht.

Ihr Fräulein Lindemann