Soziale Medien?
Interessanter Name für etwas, das eigentlich doch eher asozial ist.
Das meine ich gar nicht so abwertend wie man normalerweise das Wort „asozial“ benutzt, ich meine es tatsächlich im echten Sinne.
Was ist denn eigentlich sozial?
Im Wörterbuch steht: „…auf die Art und Weise bezogen, in der Menschen in einer Gesellschaft zusammenleben…“
Allerdings bedeutet „sozial“ umgangssprachlich: „… den Bezug einer Person auf eine oder mehrere andere Personen; dies schließt die Fähigkeit einer Person, sich für andere zu interessieren und sich einzufühlen mit ein. Aber es bedeutet auch, anderen zu helfen und eigene Interessen zurückzustellen…“
Eigene Interessen zurückzustellen, sich für andere interessieren? Da haben wir es. Wer bitte, stellt denn heute noch seine eigenen Interessen zurück? Oder wer interessiert sich für andere? Damit meine ich weder Interesse als Klatsch oder Tratsch, noch Gerüchte zu verbreiten oder seine Neugierde zu befriedigen.
Warum gibt es Twitter?
Damit jeder seine Meinung, auf ein Maximum von 280 Zeichen reduziert, in die Welt hinausposaunen kann. Jeder kann einen Account einrichten und die Welt mit seinem Gedankenmüll, sofern es nicht mit Rassismus, Missbrauch, Gewaltverherrlichung oder Spammen zu tun hat, zu tweeten und alles kund zu tun, was man schon immer mal sagen wollte, allerdings keinem echten Gegenüber und am liebsten ohne Nachfrage.
Gut, für einiges davon braucht man keinen Twitteraccount mehr, da sind wir gesellschaftlich schon in der realen Welt angekommen, da reichen auch die Echoverleihung, das Betreten verschiedener Bahnhöfe zu späterer Stunde oder einfach nur ein Spaziergang durch den Park.
Aber wo ist jetzt der soziale Teil bei Facebook und Co? Wir posten, schreiben und zeigen unsere privatesten Fotos. Jeder schreibt Kleinigkeiten seines Lebens ins World Wide Web und teilt sie; fotografiert sein Essen, oder seinen Café Latte am Nachmittag. Unabhängig davon, ob er das gerade mit „echten“ Menschen erlebt.
Es geht um Schauspielerei, etwas darzustellen, was man gerne sein möchte, vielleicht interessanter, schöner (hoch leben die Filter und Snapchat) oder beliebter (ansonsten würde man nicht nach der Anzahl seiner Follower bewertet), und man kann Einfluss nehmen, bzw. lassen.
All die Influencer, sie zeigen sonderbare Mode, und sie sagen was cool und in ist. Egal ob plötzlich karierte XXL Pullover in knappe Streifenminis gesteckt werden, mit eckigen Sonnenbrillen auf der Nase und „hello Kitty“ Haarspangen im gelb gefärbten Haar.
Ja?
Sie leben bzw. finanzieren sich von der Werbung, mit der die eigene Klientel vollgeballert wird, allerdings können sie keinen wirklichen Einfluss darauf nehmen, und sind somit nur die offene Tür und damit Mittel zum Zweck.
Da werden für mehrerer 1.000 Euro Reisen für solche Influencer nach Coachella bezahlt (Neid! Da will ich auch mal hin!) und die Anzahl der Posts wird ganz genau vorgegeben, die Anzahl der Fotos, die rausgehen MÜSSEN. Müssten Influencer nicht eigentlich dann „Soldier“ heißen, und wer ist dann der eigentliche Follower?
Im Zeitalter von Cambridge Analytica und mehr als 87 mio. ausspionierten Facebook-Nutzern, gepaart mit der gängigen Liebe zum Narzissmus und der Freude, jeden Mist mit der Welt zu teilen, bin ich sicher, Facebook weiß sogar welches Toilettenpapier man am liebsten kauft und was man nachts träumt.
Ich war immer ein Gegner dieser Internetmöglichkeiten und des sich Präsentierens.
Seit 2 Wochen habe ich einen Facebook-Account, wie ich finde, ein guter Zeitpunkt…
Ihr Fräulein Lindemann.