Manchmal wendet sich das Blatt.
Manchmal ganz leise. Ganz unscheinbar.
Man sieht es einfach nicht kommen. Plötzlich aber knallt es.
Es gibt diese Aha-Momente.
Die können auch ganz sachte geschehen, sich über lange Zeit anbahnen, oder aber auch laut und schmerzhaft sein, wie ein Aufschrei und eine Faust in die Magengrube.
Ich kann sagen, dem Schmerz ist es egal, ob es eine kleine Mädchenfaust war, die geboxt hat, es tut trotzdem weh.
Hier bin ich nicht sicher was am meisten weh tut: Sich getäuscht zu haben, eine gesamte Freundschaft infrage stellen zu müssen, und somit jedes gemeinsame Lachen, Weinen und Anvertrauen, oder, ob es nur das lädierte Ego ist, sich in einem Menschen getäuscht , und quasi an manchen Stellen blank gezogen zu haben, und sich nun nackt und ausgeliefert zu fühlen (Hallooo! Im übertragenen Sinn!).
Nach der Wendung, des Realisierens, muss man mit einem großen Knall Schluss machen, oder, wenn man kann, es einfach auslaufen lassen.
In Männerbeziehungen bin ich immer für den lauten Knall gewesen. Sehr reinigend, geradezu befreiend. Danach wurde entweder wie ein Schlosshund geheult, viel Rotwein konsumiert und 4 KG abgenommen, oder es wurde gefeiert und gesungen.
Das Beenden von Freundinnen-Freundschaften ist da anders.
Sicher gab es schon die Momente, in denen eine Trennung wie das Fallen eines Steins vom Herzen war, weil die Erwartungen aneinander doch recht unterschiedlich waren, irgendetwas situativ total genervt hat, und die Freundschaft noch nicht genug Fundament hatte, damit erwachsen umzugehen.
Aber normaler Weise ist der Verlust einer Vertrauten, einer Verbündeten, unglaublich traurig.
Generell bin ich, was Freundinnen-Freundschaften angeht, schon eher ein Schaf.
Ich lasse mich schwer wieder von der Herde abschütteln, bin treu und loyal bis zur Schlachtbank.
Manchmal kommt nur die Schlachtbank früher als erwartet, und in einer Verkleidung.
Die kann eine Projektion sein, und als böse „Einflüsterin“ namens Neid und Missgunst daherkommen, oder in Gestalt eines Mannes. Der kann sich auf beiden Seiten zum Problem entwickeln, und ist sogar manchmal der Grund für die Missgunst.
Es ist alles möglich. Aber alles schmerzt gleichermaßen, verbunden mit Enttäuschung und Ungläubigkeit.
Was bedeutet Freundschaft für Sie?
Männerfreundschaften sind an dieser Stelle erwähnt, noch einmal ganz anders, und hier, liebe Männer, bitte mal kurz weghören, Freundinnen erzählen sich fast alles, Männer definitiv nicht.
Also nicht jeder einzelnen alles, aber in der Gesamtheit wissen alle Freundinnen zusammen 90% der bewegendsten und unaussprechlichsten Dinge voneinander.
Zu mindestens kann ich das wohl für meine und für nachfolgende Generationen sagen.
Bei meiner Mutter bin ich mir nicht so sicher, sie kommt da vermutlich nur auf einen mittleren Prozentsatz, denn ich bin sicher, meine Mutter hat Geheimnisse, von denen niemals jemand etwas erfahren wird, auch ich nicht.
„Mama, wo hattest du noch gleich den Familienschmuck vergraben…?“
Schaue ich zurück, muss ich Verluste beklagen. Menschen, die in meinem Leben nicht wegzudenken waren, sind jetzt unsichtbar oder nur noch Randerscheinungen. Aber es gibt auch Verbündete, die sich von Umzügen, Trennungen, neuen Männern, neuen und alten Kindern, von großer räumlicher Distanz und fremden Sprachen nicht erschrecken lassen, und immer noch wie Felsen in der Brandung dastehen.
Und dann gibt es die neuen Menschen, von denen es einige schaffen, neue Felsen zu werden, aber einige auch wie kleine Sandburgen nach der Flut im Nichts verschwinden.
Ein Hoch auf die Freundschaft!
Ihr Fräulein Lindemann