Sitzplätze.

Als Kind wurde ich immer wieder von meinen Eltern darauf hingewiesen, älteren Menschen die Tür zu öffnen, andere Menschen mit der unterschiedlichsten Tageszeit zu grüssen, ihnen beim durch die Tür gehen den Vortritt zu lassen, ihnen meinen Platz im Bus anzubieten, kurzum, umsichtig zu sein.

Der Busplatz ist beliebig durch einen Platz im Wartezimmer oder in der U- bzw. S- Bahn zu ersetzen.

Jetzt als Erwachsene hat sich daran nicht viel geändert. Ich nehme Rücksicht.

Gestern jedoch hat sich das Blatt gewendet.
Ja, gestern war der Tag x.

Ich hatte einen Termin zur Akupunktur. Der Eingangsbereich der Praxis, der gleichzeitig auch als Wartebereich diente, war nahezu winzig.
Die Termine dort sind so eingetaktet, so dass man sich quasi die Klinke in die Hand gibt; zwischen Ruheraum, Sprechzimmer und dem 1-Stuhl- Wartebereich.
So auch gestern, allerdings mit einem kleinen Stau.
Der eine einzige Stuhl war besetzt mit einem Mann Ende 20.

Also kein Kind, kein Teenager, sondern ein fertiger, erwachsener Mann.
Er schaute mich an und überlegte.
Dann stand er auf und bot mir seinen Stuhl an.

Worstcase -Szenario!

Jetzt war es soweit.
Ich erreichte mit einem Schlag den nächsten Abschnitt meines Lebens.
Ich trat mit einem fetten Ruck in die Gruppe der Bedürftigen, der Gebrechlichen, der zu Unterstützenden ein. Was für ein entmutigender Moment, plötzlich war ich Mitglied im Club der Alten.
Es reichte also nicht, dass ich die Linien in meinem Gesicht jeden Morgen genaustens beobachte, die Gravitation verfluche, wenn ich an mir herunter schaue.
Es hilft nicht, dass alle grauen Haare entweder herausgerissen, oder aber gefärbt werden, und ich mich tatsächlich seit einiger Zeit sportlich betätige um dem Verfall entgegen zu wirken.

Ich erwische mich dabei, mit der aktuellen Musik meine Probleme zu haben, weil ich die Sprache nicht verstehe (Jugenddeutsch gemischt mit Ausländisch) oder mich die falsche Grammatik nervt und ablenkt.
Vielleicht waren das alles Anzeichen, die mich langsam und schonend auf den Tag x vorbereiten wollten, nur ich hab es einfach ignoriert.
Was ist also mein Fazit?

Bus- und Bahnfahren wird überbewertet, ich bleibe beim Auto. Und beim nächsten Stuhlanbieten nehme ich es einfach als Höflichkeit, mir als Frau gegenüber, und ich werde es kurz dankend mit „Jugend vor Schönheit“ ablehnen…, oder mich einfach setzen und nicht weiter darüber nachdenken.

Mal sehen ob es klappt.

Ihr Fräulein Lindemann

 

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