Ich kann mich noch gut an meine früheren Zoobesuche erinnern.
Der letzte war mit meinem Patenkind im Berliner Zoo, und als Kind ist mir der Allwetterzoo in Münster noch ganz fest in Erinnerung, ebenso wie das Buch aus dem Zoo in Münster, das mit meinem Namen, dem meines Lieblingscousins und meiner damals besten Freundin versehen, „unseren“ Tag im Zoo erzählte.
Was hat Ihnen im Zoo immer am besten gefallen? Sicher nicht die gestörten Raubkatzen, die lethargisch am Gitter auf und ab schreiten, oder die Streichelwiese mit den Ziegen und Böckchen, die sobald man nichts mehr zu Essen hatte, angefangen haben, einen mit ihren Hörnern zu schubsen.
Das beste für mich waren immer die Fütterungen, und am liebsten bei den Pinguinen.
Der Tierpfleger kam in den Außenbereich mit einem riesigen Eimer voller kleiner Fische und war plötzlich der heißbegehrteste Mann des Tages.
Die kleinen Kerle haben sich gegenseitig weggeschubst, sie haben gedrängelt, denn jeder von ihnen wollte einen kleinen Snack ergattern. Nichts war geordnet, und an eine Reihenfolge war nicht zu denken. Alle lebten nach der Devise: First come- first get!
Wenn es ums Essen geht, drehen alle plötzlich durch.
Nur Pinguine? Und nur beim Essen?
Letzte Woche war ich mit meiner Freundin zu einem Abendshopping-Event in einem exklusiven Outlet- Store eingeladen.
Also eigentlich war sie eingeladen, aber sie hat mich netterweise mitgenommen.
Es sollte Jazzmusik, einige Kaltgetränke und kleine Snacks geben.
Wir reden hier von einem Designer-Outlet Store, das bedeutet, dass dort Leute hingehen, von denen man irrtümlicher Weise annehmen würde, dass es sich nicht um Neandertaler handelt, noch dazu nicht um solche, die neben ihres mangelnden Benehmens und ihrer plötzlich aufkommenden Rücksichtslosigkeit, auch nicht an Hunger oder Unterernährung leiden würden.
Wir, meine Freundin und ich, hatten uns eine rollende Kleiderstange besorgt, an die wir unsere Sale-Beute hängten um alles am Schluss anzuprobieren und eventuell, aber nur ganz vielleicht, einiges davon mit nach Hause zu schaffen.
Was wir dann erleben mussten, war wirklich sehr frech und außergewöhnlich dreist und unverschämt. Neue Teile hingen plötzlich an unserer Kleiderstange. Teile, sehr hässlich und viel zu groß.
Andere, von uns ausgesuchte Stücke, waren auf einmal weg, einfach fort, weil sich fremde Menschen an unseren Fundstücken erfreuten und sie, klauen kann man wohl nicht sagen, da es sich nicht wirklich schon um unseren Besitz handelte, einfach entfernten.
Wir waren empört.
Manieren existierten einfach nicht mehr. Wie die Pinguine zur Fütterung lungerte diese Meute (Münchner Schicki-Micki) plötzlich am Bistro-Küchenausgang herum, aus dem in regelmäßigen Abständen der Häppchennachschub auf kleinen Tabletts herausgetragen wurde.
Da wurde sich in den Mund gestopft was hineinpasste, und zusätzlich wurden weitere Amuse- Gueule in den Händen davongetragen. Man kann ja nie genug bekommen, wenn es doch umsonst ist.
Am Getränkestand wurde sich vorgedrängelt, und man hätte denken können, dass es nie wieder Alkohol auf Erden geben würde. Nie wieder.
Es wurde auch in den Gängen geschubst, Kabinen wurden vor der Nase weggeschnappt, und manche Damen haben unhöflich geboxt, wenn man ihnen im Weg stand.
Es war wie eine Fütterung von wilden Tieren, und wir, dieses verrückte Treiben beobachtend, kamen uns vor wie im Zoo.
Warum also einen echten Zoo oder sogar einen Zirkus besuchen, wenn man Affen, Hühner, Elefanten und Stinktiere genauso gut in unserer angeblichen Zivilisation und in freier Natur beobachten kann.
Ihr Fräulein Lindemann