Wenn auf Capri…

Wie geht es noch gleich weiter? Ach ja, … die rote Sonne im Meer versinkt…. Ich höre den Mann neben mir sagen: Rudi Schuricke war doch niemals auf Capri…!
Aber wer weiss das schon so genau.
Wir, der Mann und ich, sind im Urlaub. Und wie Sie es sich sicherlich gerade denken können, Fräulein Lindemann ist zurück!
Aber in etwas abgespeckter Version, von nun an nur noch zu jedem 1. des Monats. Das ist einfach zu merken.

Ich sitze gerade auf der Terrasse unseres Urlaubhotels und schaue weit in die Ferne. Da das Hotel in den Bergen liegt, erschließt sich mir ein Blick über das Mittelmeer, genauer die Costiera Amalfitana, mit Blick auf Ischia, Sorrento, Neapel, Capri und den Vesuv.
Phantastisch, genau wie der vor mir stehende Aperol Spritz. Den benötige ich auch um das sonderbare Verhalten unserer Mitgäste zu ertragen.

Wir haben hier Luigi, ich nenne die Protagonisten jetzt einfach mal bei ihren theoretischen Namen, also Luigi, dunkelbraun gebrannt und in eine weisse Calvin Klein Badehose geschossen, die vermutlich für einen 10-Jährigen gedacht war und wirklich wenig verhüllt und sehr eng ist, trägt brav sein Goldkettchen um den Hals, um entweder wirklich alle Klischees zu bedienen, oder vielleicht auch nur, weil es sich schon in seine Haut eingebrannt hat.
Luigi ist vorhin geschwommen, hat sich bei all seiner Coolness am Poolwasser verschluckt und danach gefühlte Stunden seine Nase gereinigt.
Im Pool.
Selbst dem Mann ist das aufgefallen, so dass er nur kurz über sein Buch hinweg schaute und sagte, so langsam müsse die Nase doch wohl sauber sein.
War sie nicht, und es ging weiter.
Ich kann erst wieder in den Pool steigen, wenn ich den Chlorgehalt erfahren habe, um einzuschätzen, in wie weit mir Luigis Naseninhalt etwas anhaben könnte, denn alleine bei dem Gedanken merke ich, wie sich mein Magen lautstark zu Wort meldet.
Fast genauso wie gestern, als der Mann und ich einen Jachtausflug auf die Insel Capri gemacht haben.
Zuerst rebellierte mein Magen, weil er sich mit der Bootsschaukelei am Morgen, dem Benzingestank und der Sonne auf meinem Kopf, nicht anfreunden wollte, und später, als ich Fuß- bzw Nagelstudien der mitreisenden Personen auf dem Boot betreiben konnte.
Leider bin ich da wie ein Hase vor der Flinte. Oder war es ein Reh?
Auf jeden Fall kann ich nicht wegsehen.
Ich bin paralysiert.
Nicht nur nicht hinschauen geht, nein, genauer gesagt, fange ich an, nur und ausschließlich genau dort hin zu starren, und ich schaffe es nicht mehr, mich oder meine Augen wegzudrehen.
Alleine der Gedanke daran verursacht mir eine Gänsehaut, denn neben dem Mann und mir lag im vorderen Teil des Bootes unter anderem eine amerikanische Familie mit einem wirklich richtig, richtig dickem Teenagermädchen, vielleicht 14 Jahre alt, in einen neongelben Badeanzug gesteckt mit dem Aufdruck: Tequila Sunrise. Die Eltern, (bleiben wir bei erfundenen Namen) Bobby und Sue Ellen, sahen recht gepflegt aus, Sammy Joe, abgesehen von ihrer Adipositas, auch.
Bobby und seine Frau waren Mitte bis Ende 40, hatten beide einen gepflegten Haarschnitt, gepflegte Fingernägel, und … oh nein: ich stupste den Mann an um ihm meine Entdeckungen zu zeigen. Unfassbar. Die Fussnägel. Bobbys Fußnägel, die wären mir persönlich schon vor 3 Monaten schon viel zu lang gewesen, aber die Hornhaut, die roten Risse an den Fussinnenseiten und der Wunsch des großen Onkels, sich komplett von seinem Nagel zu trennen, waren noch nicht die vollständigen podologischen Höhepunkte. Seine Frau nämlich hatte ihren Nagelpilz einfach mit blauem Nagellack übermalt, auch vor Wochen schon, sodass nur noch ein kläglicher Rest davon auf vereinzelten Zehennägeln übrig war.
Leider. Und leider musste ich angeekelt weiterstarren.
Irgendwann kam endlich meine Ablenkung.
Der männliche Teil eines älteres amerikanisches Ehepaares, J.R., das ebenfalls an unserer Bootstour teilnahm, und bei dem nicht zu jedem Zeitpunkt unseres Bootsausfluges klar war, ob sie ihren Lebenszyklus nicht doch in Italien beenden würden, war auch schmerzfrei. Also nicht nur im übertragenen Sinne. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass Fussnägel, die schon um die Zehenspitze herum wachsen, in Richtung Fusssohle, einen nicht im täglichen Leben beeinträchtigen, wie beim Laufen in festem und geschlossenem Schuhwerk. Das muss doch weh tun!?!

Die junge Frau neben mir jedoch, Pamela, etwa 30 Jahre alt, legte unglaublichen Wert auf ihr äusseres und darauf, direkt nach unserem Schwimmen im Meer, sofort das Chanelpuderdöschen hervorzukramen, und die etwas unreinen Bereiche in ihrem Gesicht zu überdecken und ihre Frisur in Form zu bringen. Ihre Füsse jedoch waren ihr wie auch J.R., Bobby und Sue Ellen, fremd und keinen Aufwand wert, sie waren unter den angerissenen und angeknabberten Fussnägeln wirklich richtig schmutzig.
Der Mann schaute mich an und grinste.
Es schien also noch mehr zu entdecken zu geben.
Es gab.
Im 21. Jahrhundert muss sich der Schambereich einer Frau echt nicht bis zur Mitte des Oberschenkels hinziehen. Ich will niemandem etwas vorschreiben, und ob sich jemand komplett rasiert, sich wachsen lässt oder seinen Haaren durch eine Frisur Einhalt gebietet, muss am Ende des Tages jeder selbst entscheiden, das ist Geschmacksache. Jedoch für alles, das nicht durch ein Bikinihöschen oder einen Badeanzug verdeckt wird, trägt man schon etwas Verantwortung, sei es, dass man lange Hosen zum Baden trägt oder irgendwie andere Möglichkeiten findet, andere vor offensichtlichen Einsparungen bei Rasierern, Scheren, Hautarzt und Pediküre, zu schützen.
Ich möchte nur Informationen, die mich wirklich etwas angehen. Das ist übrigens auch am Pool so.
Der Mann und ich diskutieren gelegentlich über die Lautstärke beim Sprechen. Also unsere eigene. Nun ja, er sagt, ich sei zu leise und ich empfehle ihm einen Besuch beim HNO. In unserem Hotel, zu 80% von Amerikanern, zu 17% von Briten und zu 2% von Deutschen besucht( 1% Italiener), lerne ich, dass Rücksichtnahme etwas völlig überbewertetes ist, denn es ist Miss Ellie, Alexis, Jock, Blake und co völlig egal, ob sie halb Sorrento beschallen, wenn sie miteinander reden.
Ich rufe gleich mal meinen Friseur an und werde einen neuen Termin ausmachen, laut genug werde ich auch sein, dass es bloss keine Missverständnisse gibt.

Das werde ich natürlich nicht, denn ich kann nicht aus meiner Haut.

Der Mann hat gerade gesagt, dass er froh ist, dass ich so bekloppt bin…
War das ein Kompliment?

Ihr Fräulein Ewing

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.